Erich Buß – Zitate aus seinem Tagebuch

Es existieren Tagebucheinträge, in denen Erich Buß selbst sein gewalttätiges Wesen offenbart. So schreibt er, dass er „sich in der vergangenen Nacht die Hingabe des Jungen erkämpft. Ich hatte keine andere Wahl, er auch nicht.“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

book-861750

Alle hier veröffentlichten Tagebucheinträge des Serientäters Erich Buß sind ausnahmslos öffentlichen Quellen entnommen. Wir bleiben bei unserer Position, das die Tagebücher allen Betroffenen zugänglich sein müssen. Darüber hinaus sollen sie der Forschung und der Präventionsarbeit zur Verfügung stehen. Zu diesem Zweck sind sie zu anonymisieren. Der Öffentlichkeit sollen sie jedoch nicht zugänglich sein. Die hier zusammengetragenen Auszüge reichen vollkommen aus um sich einen Eindruck zu verschaffen.

Die allermeisten Tagebuch Zitate sind dem „Bericht über die Aufarbeitung der sexuellen Missbrauchsfälle an Schülern der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Darmstadt (1964 – 1992)´´ entnommen. Sollten wir andere Quellen genutzt haben, so ist dies kenntlich gemacht. Die Urheberrechte für den Bericht liegen beim Kultusministerium Hessen. Auch wenn wir der Ansicht sind, das die Rechte an den Tagebüchern bei allen Opfern des Vergewaltigers Erich Buß liegen, so sehen wir doch die Notwendigkeit auf diese Rechtslage hinzuweisen, zumal wir eine Genehmigung des Kultusministeriums haben den `Bericht Auszugsweise darzustellen´.

Bevor Du jetzt weiterliest, mach dir bitte bewusst, das die allermeisten, von den hier erwähnten Kinder und Jugendlichen von Erich Buß vergewaltigt wurden. Was Du hier findest, ist die Betrachtungsweise eines Schwerverbrechers. Er hat unendliches Leid über weit mehr als Hundert Menschen gebracht. Wir wissen von einem der sich das Leben genommen hat!

cemetery-1495672_1920

Vermutlich 1964„Danach kam es zu einem Eklat, weil Z.A. vermutlich in seiner Klasse geplaudert hatte. Es kam zu keiner offiziellen Anzeige gegen mich, aber ich hatte das Gefühl, dass meine Lehrerkollegen davon wussten und dass auch evtl. Polizeibeamte davon erfahren hatten. Der Stiefvater von Z.A. war Polizeibeamter und ich vermute, dass er seine Kollegen gebeten hatte, sich über mich zu erkundigen. Er selbst kam auch zu mir in die Schule und hat mir auf den Zahn gefühlt. Das Ganze wurde jedoch nie offiziell, es wurde keine Strafanzeige erstattet und keinerlei disziplinarischen Maßnahmen eingeleitet.“

Juli 1964 – „Im Juni 1964 [] kam Kollege Langner mit einer Warnung, die mich aus den höchsten Höhen herabriss ins Elend. Es geht ein Gerücht um gegen mich, ich solle mich in acht nehmen, keine Schüler einladen, keine Waldgänge mit einzelnen machen“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

1981 zu 1964 – „Dann der erste sexuelle Kontakt zu Z.A., der mir gleich heillose Verfolgungsängste einbrachte.“

Februar 1965„Z.A. wird in der Klasse gemieden, steht jetzt ganz allein da. Klassensprecher, der sich bisher betont auf Z.A.s Seite gestellt hatte und ihn stützte, meidet ihn jetzt völlig. Z.A. wird nicht angegriffen, aber ignoriert. Auch … geht Z.A. aus dem Weg. Bisher war das Dreieck eine feste Kameradschaft. Wenn sie ein Jahr älter wären, würden sie versuchen, mich fertigzumachen. Trotz der gemeinsamen schönen Jahre! Noch 14 Tage Schule. Ich bin fast am Ende. Mein Magen ist in Aufruhr, der Puls geht an jedem Vormittag beschleunigt. Noch einmal eine Tablette in der Nacht.“

11. Oktober 1965: „Erster Schultag. Heute erscheint der Schulrat H.O. in meinem Klassensaal, freundlich und total durchgedreht. Auch N.K. überkugelt sich anschließend beinahe im Gespräch. Im Winter bei der Ausstellung von 9.-Klässer-Arbeiten im Liebighaus, wo meine Klasse hervorragend vertreten war, sah H.O. noch mit versteinertem Gesicht über mich hinweg, der sonst so freundliche Kollege von anno 51 in Nidda – und nun die neue Situation, die mich fast umschmeißt, die Gegenrichtung.“

Dezember 1965„Z.A. kam um 14.00 Uhr. Es war gut wie damals. Ich habe Z.A. einen Atlas geschenkt, weil seiner abhandenkam. Vor einem halben Jahr hätte ich das noch nicht gewagt.“

Januar 1967„Sehr positiver Eindruck von Z.A. Auch der Vater kümmert sich jetzt um ihn. …“

Februar 1967„Heute traf ich Z.A., mein Opfer (oder eines davon), schwer darnieder nach einer riskanten Operation.“

Juni 1967„Z.A. war da. Er ist jetzt 18 und hat sich herausgemacht. Ein seelisch und körperlich stabilisierter Junge mit einem sicheren und vernünftigen Urteil. Er hat klare Berufspläne und wirkt ausgeglichen.“

Okt. 1967 – „Dann, es ist 18 Uhr, draußen schon dunkel, und er bemerkt, er könne den Himmel nicht sehen. Ich knipse das Licht aus [], und er reagiert mit Angst, indem er vor mir flieht. Ich lege ihm die Hände um den Hals und drücke leicht zu und sage: Wer Angst hat, reizt zum Angriff.“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

owl-517497_1920

Apr. 1970 – „Sie wollen mich mal wieder zum Rektor machen. Nur daß ich diesmal nicht grundsätzlich nein sage. Ab Herbst Schulwechsel und neue Aufgabe: Fünfjährige.“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

Sept. 1970 – „Heute waren in bunter Reihenfolge da: H. (30 Min.), R. (15 Min.), U. (40 Min.), D. F. (20 Min.), E. (3 Std.), R. (1 Std.). Dazu zwei Telefonate mit Müttern: N. und Qu. (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15) Die Namen habe ich nachträglich abgekürzt

Mai 1970„N.L. wird nicht nach England fahren. Ich hatte ihm die Finanzierung in Aussicht gestellt. Nun bittet er, ich solle ihm beim Zeltkauf helfen.“

Nachdem er über einen anderen Jugendlichen berichtet hat, der nicht zu ihm kommen wolle, berichtet Erich Buß im Tagebuch: „Ganz anders N.L. Gleich nach der Ankunft erscheint er hier, im verkotzten, stinkigen Pulli, um mir zu berichten, mit Feuer und vielen Wiederholungen. Auch er konnte mit dem Geld nicht haushalten, hat viel verjubelt.“

Aug. 1970„N.L. kam gestern vom …see zurück, braun und mit hellen Haaren von der Sonne gebleicht. Er war noch mal 14 Tage allein dort … er hat eindrucksvolle Begegnungen gehabt und intensiv die Freiheit gerochen. Er ist gelöst, reifer und einfach erholt. Meine 200 DM waren gut investiert. Ich habe ihn nie so glücklich erlebt.“

März 1971„N.L. ist seit Wochen im Süden. Will dort Geld verdienen, um einen erneuten Schulbesuch zu finanzieren… Er hat vor seinem Weggang eine Generalabrechnung mit mir gestartet, nach einem ‚Zwischenfall‘, den ich verursacht hatte, als er bei mir übernachtete. Ich habe das pariert: Wenn er einmal in Schwierigkeiten sei, solle er zu mir kommen. Damit hatte er nicht gerechnet, es imponierte ihm. Zwei recht erfreuliche Lebenszeichen kamen bisher per Telefon hier an. Resümee: N.L. ist über’m Berg, er wird es schaffen!“

1972 – Die Sicht von Erich Buß auf diesen Konflikt mit dem Vater der W-Zwillinge erfahren wir aus den Tagebuchnotizen des Jahres 1972:

Ich bereitete V. das Nachtlager. Voraus gingen zwei Anrufe des Vaters, die er abfing und frech beantwortete. Heute Morgen wurde das Telefonat mit mir fortgesetzt, grob vom Alten, der mich in Rage brachte mit Unterstellungen und Drohungen. Seitdem ist Buß sauer. Dazu müde, das Ganze müde, hat die Nase voll. Dann kam Herr A.V. X schickte ich weg. Der Alte ist impertinent, zynisch und hilflos. Ich fauche ihn an, er sei ein Versager und ein Popanz. Er gebraucht immer wieder die Drohgebärde der Hilflosen. „Herr, mäßigen Sie sich.“ Dann ging er. Briefe wurden angekündigt und Gerichtliches. Mir war wohler. Vielleicht hilft es sogar ihnen.

V. meldet telefonisch, dass der Vater mich für besonders gefährlich halte, neben dem Genossen V. und gegen diesen und mich eine gerichtliche Verfügung erwirken wolle. V‘s Kommentar: Ausgerechnet die Ungefährlichen habe er hier aufs Korn genommen.

Bisher habe ich bei X und V. alles so laufen lassen, wie sie es wollten, bis zur Grenze des Erträglichen. Nun, da der Konflikt mit den Eltern da ist, bin ich auch ihnen gegenüber im Gespräch hart und unnachgiebig, wenn Problematisches angerührt wird; z. B. Frage des Schulbesuchs und anderes exzentrisches Verhalten…

Der Konflikt ruft mindestens bei V. Denkprozesse ins Leben. Darauf kam es mir an.“

Oktober 1972„Inzwischen sind X. und V.W. seit Wochen ein beherrschender Mittelpunkt geworden. Die erste unbeschwerte Zeit ist vorbei, seit gestern beginnt die zweite (letzte?) Phase… Ich möchte auf keinen von beiden verzichten, es wird harte Zeiten geben“

November 1972„V. fünf Stunden hier. Allmählich kommt der Punkt näher, wo ich mich nach ein paar Stunden Ruhe sehne. Beide sind aber eben gut in Schuss“

Februar 1973 – Robert [Name geändert] ist [] ein Kind mit sehr differenzierten Reaktionen. Liebevoll, hat viel zu geben. Bedürftig. Gestern waren wir Pizza essen, mit dem Rad am Herrngarten. Sehr enger Kontakt, hautnah. Es rührt mich zutiefst. [] Der Junge ist sogar schön.  (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

1973„Mit Y., als Entschädigung für Korsika, wo er dasfünfte Rad am Wagen war, ist ein RoncoAufenthalt vorgesehen. Hoffentlich kommt er zustande.“

Februar 1973„Eine neue Überraschung. Die hiesige Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt auch noch gegen mich. Eine Vernehmung bei Herrn G.W. ist zu vereinbaren. Sie wird nachher um 2 stattfinden. Kein Mittagessen, ich muss viel Wasser trinken. Die Vernehmung durch zwei Staatsanwälte entwickelte sich zu einem recht erfreulichen Gespräch. Man kam sich sogar „rein menschlich“ näher. Herr G.W. meinte am Ende, sehr angetan, dass ich einen ganz normalen Eindruck mache. Die Tendenz, eine homosexuelle Affäre dahinter zu sehen, wird hier in den Vordergrund gerückt. Auch eine befragte Psychologin hätte so getippt. Die Leute haben keine Fantasie. … Herr D.K. hat nun auch Neill gelesen, daraufhin. Man schied sehr freundlich voneinander. Aber ein öffentliches Verfahren wird es geben. – Wann? In sechs Wochen etwa. Y.-Sache sei nicht wichtig. Schlimm ist, dass Frau Z. dadurch sehr belastet wird, sie kommt einfach nicht zur Ruhe.

Fortsetzung der Eskalation: Ich rufe die Mutter an. Die Mutter: „Herr Buß, ich will mit Ihnen nichts mehr zu tun haben, ich lege auf.“ –… Y. ist bei der Polizei brutal verhört worden. Alle sind überzeugt, ich wolle mich auf seine Kosten reinwaschen. … Ich rufe Herrn G.W. an, was mir Beruhigung verschafft. Der Ermessungsspielraum des Jugendrichters sei zwar sehr groß, er rechne aber mit einer Verwarnung: Der Bericht vom Jugendamt war sehr günstig. Ich bin fast euphorisch (Buß meint „Ermessensspielraum“).“

Aug. 1973 – „Ein glänzender Stern ist aufgetaucht: Andreas. Ein heiles Kind, wie es scheint, mit normalen Reaktionen, sehr frei und kaum zu glauben.“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

composing-168696_1920

Aug. 1973 – „Robert Collister [Name geändert] darf nicht vergessen werden. Andreas R. [Nachname geändert] wäre mir lieber, aber nur für einen von beiden werde ich Zeit haben. Und Robert geht vor.“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

Feb. 1974„So allmählich werde ich sturmreif geschossen, auf das am Ende der berufliche Exitus völlig konsequent erscheint, sogar mir. Meine Angaben über Y.Z., die pädagogische Motivation sein sollten, werden jetzt also juristisch und gerichtlich gegen ihn ausgenutzt. Letztlich auch gegen mich. Erst jetzt wird mir klar, was es heißt, aus der Pädagogik ausgeschlossen zu werden. … „Die Anonymität der Macht von oben gewinnt Einfluss auf mich, und ich fühle mich heute ausgeliefert.“

11. März 1973: Buß schildert zunächst, dass er drei Wochen die „Tessiner Bergwelt hinter Gittern“ erlebt habe, und schreibt dann:

Ich habe endlich auch einen Feind, den ich mir erwählte, den Juristen Giudice in Locarno. Jetzt bin ich vorbestraft, ausgerechnet wegen Diebstahls. H.O.: Wir sind ja nicht die Vollzugsbehörde der Schweiz. Da kommt also nichts mehr nach.“

27. November 1973: „Inzwischen geht der unaufhaltsame Abstieg des Erich Buß weiter. Er wird ‚gebeten‘, im RP zu ‚erscheinen‘. Vorermittlungen in einer Disziplinarsache.“

30. November 1973: Zu dem Strafverfahren in Deutschland äußert sich Erich Buß in seinem Tagebuch wie folgt: „Herr G.W. beantragte eine Strafe von 1500 DM, wobei 22 Tage zu je 50 Mark veranschlagt wurden und ein Kleckerchen zu zahlen gewesen wäre. Herr J.G. und seine zwei Schöffen hielten, wie erwartet, ‚eine empfindliche Strafe‘ für angemessen: 2700 Mark (je Tag 30 Mark), wozu noch ein paar Hunderter für Verfahren und psycholog. Gutachten kommen. ‚Ich habe es gut mit Ihnen gemeint‘, sagte der Staatsanwalt nach der Verhandlung. Nach seiner Meinung war auch eine Haftstrafe drin bei dem HillJ.G. Verstehen könne ers aber immer noch nicht. Und Herr J.G., kurz vorm Ruhestand, ließ gar verlauten, so ein Fall sei ihm in seiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen…“

21. Dezember 1974: „Der sehr wohl meinende H.O. hat mir inzwischen ein ‚Alibi‘ geschrieben nach seinem Kontrollbesuch.“

April 1975: „Ermahnung des RP schließt die Affäre Buß jeweils juristisch ab. Aber ich habe Angst vor mir selbst. Die Zerstörung von innen her dreht. Ein schwankender Turm, der bald einstürzt. Ich habe es darauf angelegt.“

1970 bis 1975 (genaues Datum nicht öffentlich zugänglich)„Faszination durch den Jungen, der noch schöner geworden ist als er war – eine Bindung, die verstärkt wurde durch das Bewusstsein, dass Hilfe möglich und nötig ist. Mir ist, als müßte ich eher mit untergehen als aufgeben. … Am Donnerstag will ich Fotoaufnahmen von ihm machen, vom Körper des Jungen im Ganzen und im Detail, wenn die Rückgratverkrümmung nicht wäre, eine Michelangelo-Figur, alles vollkommen, oder fast vollkommen. Ein Ephebe wie er selten anzutreffen ist und dieser Körper wird von innen her zerstört, weil die sozialen Bedingungen kein Aufsteigen erlauben.“

1970 bis 1975 (genaues Datum nicht öffentlich zugänglich)„Diese letzten zwölf Monate spiegeln meinen verzweifelten Versuch, mir den Jungen gefügig zu halten und in der Abhängigkeit.“

1970 bis 1975 (genaues Datum nicht öffentlich zugänglich)„Bei C.D. glaube ich noch immer, leichtes Spiel zu haben, ihn unterjochen zu können. Homo bestialis.“

dragon-860670

Dez. 1976 – Jan. 1977„U.D. erzürnt und besorgt. … U.D., dessen Ansprüchen ich gestern wiedermal nicht gerecht werden konnte, am Telefon: „Ich fange langsam an, Dich zu hassen.“ Er wollte wieder einen Termin für eine Freundin. Dann drehte er durch und wurde bösartig. Ich legte auf. Später entschuldigte er sich. Aber ich habe wirklich nicht so viel Zeit und Kraft für ihn wie anfangs. Und er hat große Ansprüche und strengt an. …

U.D. fehlt mir. Hier liegen die vier Matrizen für ihn, er holt sie nicht. Beleidigt. … U.D. ging gestern als Clown. Ich hatte ihn geschminkt. … U.D. gestern: Er will nicht mehr nach X zurück. … Er hat hier gelernt, was Freiheit ist. Er weinte, sprach vom Weglaufen, vom Sterben und Hand an sich legen. … U.D. war wieder da. Aber es ist keine gute Atmosphäre. Er ist in allem, was er äußert, frustriert, negativ und pubertiert wie alle autoritär erzogenen schwer herum. Freiheit wird nicht verkraftet. U.D. könnte mich sicher denunzieren, wie einst X, dem er sehr ähnelt. Motiv: Enttäuschung, weil Blütenträume nicht reiften. Ein tiefes Wasser, aber ein eindrucksvoller Junge mit großen Qualitäten. Mit U.D., dem Schwierigen, vorgestern im wahrsten Sinne zusammengerauft, eine Stunde lang. Ich spüre es heute noch in den Gliedern…“

Jul. 1977„Ich möchte tot sein. Diesem Jungen wurde schwer mitgespielt. Nun, nachdem er gelernt hat, hier zu leben, wird er auch hier herausgerissen und … verpflanzt, obwohl er noch vor Wochen sagte, dass er nicht mehr hinmöchte. Außer mir gab es ja niemand, der sich richtig um ihn kümmerte. … Armer Junge, herzbewegendes Kind! … Kein U.D. mehr – das ist eine Erleichterung und eine Trauer. Der Abend naht mit seiner pathetischen Schwärze. Alles ertrinkt im strömenden Regen. Partir-mourir. … U.D. ruft am nächsten Tag an und sagt: „Ich glaube, wir fangen an, uns besser zu verstehen. … U.D. ist weg. Der Abend bringt die Trauer um den verlorenen Jungen. Der Mond steht am Himmel, unser Mond. Nur, dass er ihn jetzt in X sieht. Oh, mein Freund.“

1977„Am Nachmittag wieder U.D. Erzählt von dem mich denunziert habenden, kaputtgehenden X, der es gewiss nicht dulden wollte, dass U. noch zu mir kommen kann, er aber nicht. … Die Freundin meint, ich würde ihm nicht helfen, eher schaden, denn ich sei eifersüchtig, denn ich sei schwul.“

Feb. 1978 – „Er raucht wie verrückt [], manchmal zwei Päckchen am Tag. Das erschreckt mich, weil es ein Symptom ist. A. ist abzuschreiben.“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

Apr. 1978G.: Klein, schwächlich, kränklich. Intelligent. Alkohol in der Familie. A.: Schüchtern. Sieben Kinder. Waldarbeiter. Keine Freunde. St.: Milieugeschädigt, ungeordnete Verhältnisse, verwahrlost, gefährdet. S.: Kleinbürgerliche Verhältnisse. Sehr korpulent. Th.: Arbeiterkind. Kann sich nicht artikulieren.“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

Jul. 1978„Ich habe keinen. Allenfalls den: Du brauchst eine Freundin, die jünger ist … Es zieht ihn wieder in die Wittmannstraße. Ich soll doch in die Unterstufe gehen, dann hätte ich doch wieder mehr Zeit und Kraft, meint er. Für ihn.“

Sein Vertrauen zu mir ist grenzenlos geworden. Von der Freundin will er wiedermal ganz weg. Er will es machen wie ich: Unabhängig leben. Noch nicht einmal mehr Mädchen.“ .. „Er verdanke mir so viel und habe Schuld mir gegenüber“

Okt. und Dez. 1978„U.D. kann Urlaub machen, da seine Gespielin im Krankenhaus ist. Auch ihm habe ich, distanziert zuerst, versichert, dass ich weiter für ihn da bin. … U.D. träumt von vergangenen Zeiten. Das Jahr bei mir, betont er, war so gut, er möchte, dass es wieder so wird. Ich vertröste ihn auf spätere Zeiten. … Abends kam U.D.… Er hat Schlafstörungen und braucht jemand, der zuhören kann. … U.D. war wochenlang nicht da. Kam nun, um Geld zu erbitten. … Zögernd gab ich ihm schließlich den Betrag. Und jetzt bin ich sicher, dass es wieder ein Fehler war.“

Und zwei Monate später schreibt Buß:

U.D.: Wie erwartet, nach der Rate von 100 Mark lässt er sich nicht mehr sehen.“

Auch ein Darmstädter Judotrainer, der wegen sexueller Übergriffe auf Schüler suspendiert wurde, verkehrte in seinem Haus, wie Tagebucheinträge von 1979 belegen:

1979„J. brachte einen Jungen mit, der an der Tankstelle arbeitet; er ist ständig auf der Suche nach Jungen.“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15) Name nachträglich abgekürzt

 

1979„X.C., der sich zu Hause langweilt, käme am liebsten täglich. Gestern wünschte er sich eine Uhr nach getaner Lackierarbeit. Der Regler war aber genug. Ich habe ihm nichts zu bieten. Ein Kind, dessen Antrieb geschwächt und dessen Interessen durch die familiäre Situation stark reduziert sind.“

1979 oder 1980„Er kam zu mir, um zu erzählen und mir sein Herz auszuschütten. Ich habe die Situation ausgenutzt und habe ihn zu sexuellen Aktivitäten verführt. Es kam dann zu gegenseitigem Streicheln und Onanieren. Oral- und Analverkehr fand nie zwischen uns statt. Insgesamt hat mich V.E. ca. zehn Mal besucht. Es kam nicht immer zu sexuellen Kontakten, aber meistens.“

ferris-wheel-438194_1920

Juni 1980„W., das ewige Sorgekind, der sich so gut entwickelt, dass er nicht nur schön, sondern hinreißend lieb wurde, das ekelhaft schwierige Kind über Jahre hin, ich werde ihn aus den Augen verlieren, jetzt, da er unerwartet aufblüht und zum Menschen wird. Fünf Jahre laufen nun aus, die letzten Sandkörner, eine Kette von Situationen des Scheiterns. Die Summe davon: der Erfolg. Aber man stirbt daran.“

Juli 1980 – „Geliebter, halte mich, halte mich! Geliebter, du bist ein Kind. Ich darf dich gar nicht anrufen, nicht bitten. Ich habe dich schon verloren. Du bist mein letzter Halt gewesen, du hast mich leben lassen. Nun ist auch dein Platz leer, und ich bin in der Hölle. Alles um mich ist, wie es war, aber DU bist nicht mehr da.“ (Quelle `taz am wochenende` vom 14.03.15)

Juli 1980„W., der neuerdings Vertraute, fehlt seit gestern. Ungewöhnlich bei ihm. Nutzt er die neue Lage gleich aus?“

Juni 1981„Ich bin skrupellos genug, alles zu tun, um den Jungen nicht zu verlieren… Ich muß diesen Jungen töten, damit er mein ist und bleibt.“ ( Quelle Mona Lisa Sendung vom 08.10.2016)

Juni 1981:- „Ich habe Angst… Ich bin ein erbärmlicher Mensch. – Ich verachte meine Erbärmlichkeit. – Ich durchschaue mich genau. – Es ist schändlich, was ich sehe… Ich bin skrupellos genug, alles zu tun, um den Jungen nicht zu verlieren. Aber ich kann nichts tun… “

Juni 1981„W. war da. Es war gut, danach sprachen wir viel miteinander. Ich will ihn inthronisieren. Es bleibt mir ja nichts anderes übrig. Morgens: Trauer und Schmerz.“

Juli 1981„… Mein Irrtum, dass ich mich aus der Szene zurückziehen oder gar beides haben kann, Freiheit und schöne Jungen lieben. Ich brauche Geld, viel Geld. Wie das einst war: A69: Ferienreisen, Motorräder, dies und jenes, Tausende; B: regelmäßig 50 Mark, Ferienreise, Wohnung eingerichtet für 4000 Mark; C: regelmäßig 50 Mark, Ferienreise, Kleidung; D: Ferienreise; E: Es fängt jetzt an, bisher nur ein kleines Taschengeld…“

Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Die Täter abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.