Erich Buß – ein Brief, ein Interview und seine Ausagen

Hier finden sie Zitate aus seiner Aussage beim Schulrat (1973) – ein Elternbrief (Jul. 1984) – ein Interview (1994) – seine Aussagen bei der Kripo und der Staatsanwaltschaft (1974, 2002, 2003)

Die allermeisten Zitate sind dem `Bericht über die Aufarbeitung der sexuellen Missbrauchsfälle an Schülern der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Darmstadt (1964 – 1992)´ entnommen. Sollten wir andere Quellen genutzt haben, so ist dies kenntlich gemacht. Die Urheberrechte für den Bericht liegen beim Kultusministerium Hessen. Auch wenn wir der Ansicht sind, das die Rechte an allen von Erich Buß verfassten Texten bei den Opfern liegen, so sehen wir doch die Notwendigkeit auf diese Rechtslage hinzuweisen, zumal wir eine Genehmigung des Kultusministeriums haben den `Bericht Auszugsweise darzustellen´.

Bevor Du jetzt weiterliest, mach dir bitte bewusst, dass Erich Buß zeitlebens darum bemüht war, die Rolle des großen Reformpädagogen zu spielen. Menschen, die nicht näher mit ihm zu tun hatten, haben sich über Jahrzehnte hinweg von ihm blenden lassen. Doch hinter dieser Kulisse kam es tagtäglich zu unbeschreiblichen Verbrechen. Er selbst meinte 2003, bei einer seiner Vernehmungen: „Es brachte ihnen nichts.“! Doch, es hat uns etwas gebracht, es hat unendliches Leid gebracht!

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1973 wurde Erich Buß, während eines Urlaubs in Ronco im Tessin in der italienischen Schweiz wegen zahlreicher Diebstähle, die er im Beisein eines 14 jährigen Jungen beging, verhaftet und verurteilt. Im Nachgang gab sowohl ein Disziplinarverfahren, als auch ein Strafverfahren.

1973 – Gegenüber dem Schulrat rechtfertigt sich Buß wie folgt:

Für mich war die Stehlaktion vor allem Teil meiner Beschäftigung mit dem Problem Jugendkriminalität als Folge von Milieuschädigungen; der nicht vorhersehbare Aufenthalt im Gefängnis gab mir Gelegenheit zu eingehenden Haft- und Milieustudien. Ein ausführliches Tagebuch liegt vor. Für den Jungen hatte die Affäre keine weiteren Folgen. Meine Beziehungen zur Familie (Mutter und 5 Kinder, zum Teil inzwischen erwachsen) wurden nicht beeinträchtigt, sondern – wie erwartet – sogar vertieft.“

Da ich die Diebstähle nicht sofort zugab, alarmierte man die Polizei, die mich und den Jungen zur Station brachte.“ … „Ich hatte ihm (dem Jungen) vor den getrennten Verhören gesagt, er solle angeben, dass er nicht an den Diebstählen beteiligt gewesen sei und nichts davon gewusst habe.“ … „Der Junge blieb auch nach mehrmaligen Befragungen durch Polizeibeamte dabei, dass er von den Diebstählen nichts gewusst habe. Das erfuhr ich später von ihm selbst.“

Ein materielles Interesse an den Gegenständen hatte ich nicht; sie waren für mich wertlos. Es bestand kein Bedarf. Meine Angaben beim Verhör, daß ich in Darmstadt zusammen mit einem Schüler gestohlen habe, waren eine Schutzbehauptung. Dieses Stehlen mit pädagogischen Motiven begründen zu wollen, halte ich für falsch und für aus mehreren Gründen bedenklich. Allerdings spielten diese Motive für mich eine wichtige Rolle. Trotzdem bin ich noch immer der Meinung, daß die Neill’sche Praxis, wie er sie in seinem Buch an einem Einzelfall geschildert hat, psychologisch richtig ist. Zudem, er hatte den Inhaber des Geschäfts vorher informiert und die Waren anschließend bezahlt.“

Nach dieser fulminanten Stellungnahme von Erich Buß als Beschuldigter wird er am 01.02.1974 von Staatsanwalt G.W. und Staatsanwalt D.P. Vernommen:

1974„Ich kenne den Y.Z. seit 8 oder 9 Jahren. Von der Mutter wurde ich auch eingeladen; ich mietete für die Osterferien in Ronco, Schweiz ein Appartment „da ich mich vegetarisch verpflegen muss“

Auf Frage: „Ich hatte und habe keinerlei homosexuelle Kontakte mit dem Jungen. Er ist auch meines Wissens nicht der Typ, dem man sich in derartiger Form nähern könnte. Ich selbst bin nicht homosexuell veranlagt. „Ich betone, dass die Initiative zur Verübung der Diebstähle von mir ausgegangen ist. Die gestohlenen Gegenstände waren für Y.Z. bestimmt. Der Rasierapparat wurde nur der Optik wegen gestohlen, damit es nicht den Anschein hatte, dass der Junge alles bekäme. Tatsächlich konnte ich mit dem Apparat überhaupt nichts anfangen.“

Der Junge machte damals große Schwierigkeiten in der Familie. Deshalb habe ich ihn mitgenommen. Ich wollte dem Jungen erst das Radio kaufen. Ich muss dazu sagen, dass der Junge eine gewisse Neigung zu Diebstählen hat. Ich habe mich mit der Person des Jungen regelrecht identifiziert, mich ganz auf seine Seite gestellt und bin praktisch für ihn zum Dieb geworden. Es ging hier nicht darum, den Jungen zum Dieb zu machen, sondern seine Neigung zum Diebstahl zu befriedigen und dadurch seine kriminelle Intensität langsam abzubauen. Die Diebstähle treffen fast alle zu. Die eine Musikkassette habe ich gekauft. Der Cognac sollte verschenkt werden; vielleicht auch noch die anderen Dinge.“

Auf Befragen:

Ich halte es vom pädagogischen Standpunkt her für möglich, dass ich das wieder tue. Vielleicht praktiziere ich die Sache dann so, dass ich vorher mit dem Geschäftsinhaber spreche und ihn in meine Pläne einweihe.“

In dem späteren Strafverfahren der Staatsanwaltschaft Darmstadt zum Aktenzeichen 291 Js 21343/02 gibt Erich Buß in seinem umfassenden Geständnis am 24.07.2003 gegenüber der Kriminalbeamtin K.Q. etwas anderes an:

2003 zu 1973 Bl. 106 der Akte: „Es gab mal Zärtlichkeiten mit dem jüngsten Kind, Y.Z., und mir. Der Y. war damals meiner Erinnerung nach 13 Jahre. Ich habe ihn gelegentlich gestreichelt; diese Zärtlichkeiten haben sich jedoch nicht auf seinen Unterkörper erstreckt. Er hat mich nicht gestreichelt.“

Auf die Frage, warum es mit Y. nicht zu einem sexuellen Kontakt kam, berichtet Erich Buß von der Reise mit Y. in die Schweiz und teilt dazu mit:

Ich kam in Untersuchungshaft und Y. musste sofort die Schweiz verlassen. In diesem Zusammenhang bestand der Verdacht, dass ich Y. sexuell missbraucht haben könnte. Die Ermittlungen der Schweizer Behörden verliefen jedoch im Sande. Ich bestritt den sexuellen Missbrauch. Ich muss dazu sagen, dass es auch niemals zu sexuellen Handlungen mit Y. gekommen ist, weil er dies ablehnte. Meine Andeutungen dahingehend blockte er ab.“

Erich Buß berichtet dann kurz über die gegen ihn geführten Strafverfahren in der Schweiz und beim Amtsgericht Darmstadt.

…und es wurde ein Disziplinarverfahren gegen mich eingeleitet. Das Disziplinarverfahren wurde eingestellt. Der Staatsanwalt war damals der Meinung, dass ich sexuellen Kontakt zu Kindern hätte, konnte dies aber nicht beweisen. Im Laufe des Verfahrens wandelte sich jedoch seine Einstellung und er war der Meinung, dass ein sexueller Missbrauch nicht stattgefunden habe.“

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Erich Buß hat zahlreiche Elternbriefe verfasst, mit denen.. er sich als großer Pädagoge zu profilieren versuchte

Elternbrief Nr. 14 Juli 1985

Wirklichkeitsnahe Aufklärung soll mit dazu beitragen, den Kindern Angst und Schuldgefühle im Zusammenhang mit Sexualität zu ersparen. In solchen Gesprächen soll auch von Liebe, Zärtlichkeit und Verantwortungsgefühl die Rede sein. …

Die im Menschen mehr oder weniger stark vorhandene Aggressivität wird durch sexuelle Unterdrückungen und Frustrationen vermehrt und verstärkt. …

Von Lust ist nicht die Rede. Die verordnete Sexualerziehung festigte bisher die alten Tabus. Nicht auf Förderung und Kultivierung der Sexualität waren die Bemühungen der Sexualerzieher gerichtet, sondern auf Ausschaltung, Unterdrückung …

Der heranwachsende Mensch solle lernen, die geschlechtlichen Triebkräfte in den Gesamtbereich seiner Person einzuordnen und damit im Hinblick auf das Geschlechtliche zur Triebbeherrschung … Damit die Schülerinnen und Schüler ja nicht auf den Gedanken kommen, Sexualität sei etwas, das Spaß machen und Lust bereiten kann, ist in dieser Zielbestimmung (der verordneten Sexualerziehung, Anm. der Autorinnen) der Sexualerziehung, von Sexualität überhaupt nicht die Rede, umso mehr von Sittlichkeit und Verantwortung …

In der Regel ist es nicht das sexuelle Bedürfnis, das sich störend bemerkbar macht, sondern es sind die Regulationen und Einschränkungen, die D e f o r m a t i o n e n, die der Sexualtrieb durch die Erziehung erleidet, was zu Neurosen, zum Sadismus, zum Masochismus und zum asozialen und inhumanen Verhalten führt. Den schrecklich gefahrvollen Trieb schaffen die Sexualerzieher erst durch die schrecklich gefährliche Erziehung. …

Sexualität erscheint in manchen Aufklärungsbüchern dagegen als etwas MechanischTriebhaftes, als ein Apparat … Wer der Sexualität derart Geist und Seele austreibt, … der weiß freilich in seinen Erziehungsgeschäften mit Sexualität nichts anzufangen. Ihm bleibt nur noch, sie in die Nacht des Unbewussten zu verdrängen und in Sittlichkeit und Verantwortung einzumauern. Es ist dann allerdings auch kein Wunder, wenn Menschen nur noch auf unsittliche und unverantwortliche Weise zu einer sexuellen Befriedigung kommen können. …

Mit der Verapparatung der Sexualität wird schon in frühester Kindheit begonnen. … Nichts von den Empfindungen und Gefühlen, von der Lust der Eltern; verschwiegen wird dem Kind, dass das Glied eine andere Gestalt hatte als morgens, wenn das Kind dem Vater im Badezimmer zusieht … Warum darf es seinen Vater immer nur ohne Sexualität wie ein griechisches Standbild kennenlernen? Das Kind wird wie ein unsexuelles Wesen behandelt. Das früher übliche Verständnis von Sexualität ist in vielen Aufklärungsbüchern noch maßgebend: Sexualität als Fortpflanzungstrieb verstanden, die Lust der Sexualität darf, falls überhaupt, allenfalls genossen werden, wenn sie im Dienst der Fortpflanzung steht. Sexualität, die nicht Fortpflanzung bezwecke – so hieß es – , sei unnatürlich.

Im modernen Verständnis von Sexualität, in Übereinstimmung mit dem Stand der wissenschaftlichen Forschung, kann beim Menschen auf keinerlei Naturbasis mehr zurückgegangen werden. Der Mensch ist, einschließlich seiner Sexualität, ein Kulturwesen. … Eltern (und Pädagogen) sind erst auf dem Weg, ihren Kindern ein Recht auf ein eigenes Sexualleben zuzugestehen.“

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1994 – Interview mit Mathis Dreher im Rahmen des Schülerwettbewerbs „Deutsche Geschichte 1994“ mit dem Titel: „Die 68er als Wendepunkt in der Pädagogik – Der Volksschullehrer Erich Buß“

Meine Vorbilder, meine Leitbilder? Ich habe viel gelesen. In der Zeit des Studiums habe ich viel weniger Pädagogisches gemacht, habe also nicht viel Pädagogikbücher, überhaupt nicht Pestalozzi gelesen, oder solche Dinge, sondern habe mich durch die Weltliteratur gelesen, wie gesagt schon mitbedingt durch meinen sehr anregenden Deutschlehrer habe ich zum Beispiel den ganzen Thomas Mann gelesen, Jean-Paul Sartre, Nietzsche gelesen, Sigmund Freud – natürlich nicht alles, sonst wird man verrückt, aber so das Wichtigste – habe mich viel mit Psychoanalyse beschäftigt, das war während des Studiums. Später als Lehrer hatte ich nicht mehr sehr viel Zeit, mich darum zu kümmern.“

Ich habe damals auch die Probleme von Hauptschulkindern kennengelernt, teilweise für mich schmerzhaft, aber es hat einen Lernprozess bei mir hervorgerufen, und ich war später lieber Hauptschullehrer als in der Grundschule – weil man vom Sozialen her mehr erreichen kann. Eltern mischten sich nicht so sehr ein, das war mir auch lieb, die hatten kein Interesse daran, Hauptsache es lief und – na ja. (…) Ich hatte mehr Möglichkeiten, mich freier zu bewegen. Ich hatte damals schon festgestellt, dass der Beruf eines Hauptschullehrers einer der freisten Berufe ist, wo man wirklich ungestört machen kann, was man will. Vorher, da stehen einem die Eltern auf den Füßen: ‚Schafft er es denn auch mit den Noten, wird er in die höhere Schule kommen?‘“

1967 las ich in der ZEIT eine Buchbesprechung, Erziehung in Summerhill, Neill tauchte zum ersten Mal auf, im Szczesny-Verlag erschienen, und ich fand etwas, was mir noch nie begegnet war, nämlich einen Lehrer, der genau das dachte, was ich dachte. Ich weiß nicht, ob du Neill kennst, er hat also ein Buch über seine Schule geschrieben, über Freiheit, das freie Kind usw. und er hat alle Tabus in Frage gestellt, die Hauptrolle spielten Sexualtabus, aber auch kirchliche Dinge und religiöse Dinge, die den Menschen unfrei machen, Druck, Psycho-Druck, soweit. Glückliche Gemeinschaft. Ich las das Buch und strich mir furchtbar viel an und dachte: Das Buch muss unter die Menschen. Der Szczesny-Verlag machte dann pleite und der Rowohlt-Verlag übernahm dann die Rechte …“

Sexualkunde stand auf dem Lehrplan, aber nicht so, wie ich es gemacht habe. Es wurde mehr biologistisch gemacht. Es stand ab den 60er Jahre durchaus auf dem Lehrplan, es war sogar schon Thema in den 50er Jahren. Ich weiß noch, da hat … die Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin die Mädchen sich vorgenommen, und ich habe mit den Jungen gleichzeitig Sexualaufklärung gemacht. Das war eine sehr verklemmte Sache. Später war das nicht mehr so ein Problem, doch das gehörte schon dazu. (…) Ich habe gemerkt, dass es auch wichtig ist, Sexualkundeunterricht mit reinzubringen, das war eines der beliebtesten Unterrichtsfächer, weil es immer sehr lustig zuging, auch in der Grundschule. Machen wir heute wieder Sex, das ist immer so lustig.“ Solche Sprüche kamen dann im vierten Schuljahr.“

Ich hatte damals noch die Idee, dass Eltern pädagogisch etwas draufhaben. Ich habe mich aber dann sehr schnell davon belehren lassen, dass Eltern, oft gerade intelligente und einsichtige Eltern, pädagogisch furchtbar ungeschickt sind.“

Oft hatte ich Schiss bei Sexualkunde in der Grundschule, in deiner Klasse zum Beispiel, da habe ich gedacht: ‚Oweia.‘ Nein, ich habe eigentlich nie Schwierigkeiten mit Eltern gehabt, wie der LÜDDE. Es gab zwar immer wieder welche, die wollten mir an den Wagen fahren, aber die haben es immer hintenherum nur gemacht. Man konnte mir nicht beikommen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich kann mit solchen Dingen einfach umgehen. Auch bei Elternabenden. Es gab nie kritische Situationen. Es gab manchmal ein bißchen Zoff.“

„… Dann fing ich an, Elternbriefe zu machen, habe also Neill reinverarbeitet und anderes, auch Eigenes, und habe gedacht, dass das bei Eltern wunderbar ankommen müsste, kam aber überhaupt nicht, höchstens bei zehn Prozent, die fanden das gut, die anderen, das fiel mir dann auf, sind viel zu konservativ und viel zu leistungsfixiert, überhaupt, ‚was will dieser Lehrer?‘ Oder, als S. fragte, ‚dieser Buß, was habt ihr eigentlich gegen den?‘ ‚Das ist ein dummer kleiner Scheißer‘, sagte der Vater. Also sachlich war nicht viel. Doch da war ein Vater, der ging immer zum Schulrat und sagte, ‚die lernen nichts bei dem Buß.“

Und über Neill lernte ich dann den Psychotherapeuten, den Analytiker Wilhelm Reich kennen, der ja in der APO-Zeit auch eine ganz gewaltige Rolle spielte. Sexuelle Revolution ist ein Buch von ihm. Er ist wieder vergessen, leider. Aber bei denen, die ihn einmal kennengelernt haben oder die ihn studiert und gelesen haben, ist er immer noch drin. Also immer ein bisschen vorbei an dem, was die Masse so macht, da habe ich mir auch immer viel drauf zugutegetan. Ich gelte also bei Kollegen, oder galt, als arrogant, was ich mit Genuss zur Kenntnis nehme. Bei Eltern inzwischen auch, bei vielen. ‚Nichtkooperativ‘, oder so.“

Es ist anstrengend, das kann nicht jeder. Vor allem, wenn ich eine Familie gehabt hätte und zu Hause noch Probleme mit Heranwachsenden, da hätte ich mich nicht so einsetzen können. Das ist ja das Problem der evangelischen Pfarrer und der katholischen Priester. Die katholischen könnten eigentlich viel, wenn sie wollen, viel mehr leisten, sozial, zum Beispiel, als ein evangelischer Pfarrer mit vier bis fünf Kindern, der dann einfach überfordert ist. Ich habe früher einmal die These propagiert, Lehrer dürften auch nicht heiraten – sie sollten eigentlich – ha ha, ja, wenn man es richtig betrachtet. Wenn man mehr tut als nur unterrichten, und das wollte ich ja. Ich wollte ja auch nie zum Beispiel, ich habe ein paarmal Angebote gekriegt, auf die Realschule zu gehen, ich wollte ja nie Fachlehrer werden. Ich wollte eine Klasse mit möglichst vielen Fächern haben …“

„… Ich habe Vieles gemacht, nachdem ich also Reich und Neill gelesen hatte, wurde mir darüber klar, was Sexualunterricht eigentlich bedeutet und dass er ein hochpolitischer Unterricht ist im Grunde, das heißt ein gesellschaftsverändernder Unterricht, kann er zumindest sein. Da habe ich also auch, ohne die Eltern zu informieren, Literatur benutzt, die ich eigentlich beim Elternabend hätte vorzeigen müssen. Es wurde ja dann auch eifrig ‚rumtelefoniert, hintenherum‘.“

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1997 – Zu dem weiteren – durch Q.H. aus Gießen – in Gang gesetzten Ermittlungsverfahren im Jahr 1997: Erich Buß selbst berichtet dazu umfassend in seiner geständigen Einlassung vom 29.07.2003 wie folgt:

Ich bin bisher zweimal kräftig, d. h. mit hohen Summen, erpresst worden. Das erste Mal war im Herbst 1997. Es handelte sich um Q.H. und R.G. Die beiden haben angenommen, dass ich viel Geld besitze. Sie sind während meiner Abwesenheit in mein Haus eingedrungen und haben meine Tagebücher entwendet. Es handelt sich um 6 oder 7 Aktenordner. In diesen Ordnern waren meine Aufzeichnungen. Bei diesen Aufzeichnungen handelte es sich unter anderem um tagebuchähnliche Einträge, die sexuelle Missbrauchshandlungen mit verschiedenen Kindern über einen längeren Zeitraum enthielten. Etwas später erhielt ich einen Anruf von Q.R. Er sagte mir, dass er im Besitz der Aufzeichnungen sei und ich sie gegen Zahlung einer Geldsumme wieder zurückerhalten könnte. Eine genaue Geldforderung nannte er nicht. Zum Zeitpunkt des Telefonats befanden sich mehrere Jugendliche in meiner Wohnung. Q.R. wurde von P.Q. und F.G. aufgefordert, meine Aufzeichnungen zurückzugeben. Sie drohten ihm, nach G. zu kommen und die Sachen selbst abzuholen, wenn er sie nicht freiwillig herausgeben würde. Ich bin zusammen mit F.G. nach G. gefahren, um Q.H. zu treffen. F.G. hat Q.H. körperlich angegriffen, d. h., er hat ihn festgehalten und geschüttelt und ihm damit Angst gemacht. Q.H. hat daraufhin aus einem Schließfach meine Unterlagen herausgeholt und mir gegeben. Ich habe ihm dafür kein Geld gegeben. Später hat Q.H. bei der Polizei in G. eine Anzeige gegen mich und F.G. wegen Bedrohung erstattet. Er hat dabei auch angegeben, dass ich kleine Kinder sexuell missbrauchen würde. Ich wurde dann zur Polizei nach Darmstadt bestellt und mir wurden die Angaben des F.G. vorgehalten. Ich habe seine Aussage bestritten. Später habe ich eine Einstellungsverfügung bekommen. Q.H. hatte seine Anzeige zurückgenommen. Ich habe ihn dafür nicht bezahlt….“

In seinen polizeilichen Vernehmungen vom 24. und 29.07.2003 gibt Erich Buß zur Anzeige von A.B. an: Das Verfahren gegen ihn sei von der Staatsanwaltschaft Darmstadt eingestellt worden. Blatt 104 f der Akte:

Ich möchte angeben, dass ich vor ca. 2 Jahren bereits bei der Polizei in Darmstadt war und eine Aussage gemacht habe. Es war damals so, dass der A.B., der mittlerweile nicht mehr in Darmstadt wohnt, aber sich hier noch oft aufhält, eine Anzeige bei der für seinen Wohnort zuständigen Polizei gegen mich erstattet hatte. A. hatte behauptet, dass ich ihn, als er 12 Jahre alt gewesen sei, sexuell missbraucht habe. In dieser Sache wurde ich von der Polizei vernommen. A. hatte auch bei meinen Nachbarn in der Ludwigshöhstraße anonyme Briefe verteilt. In diesen Briefen behauptete er, dass ich ein Kinderverführer sei und ihn und andere Kinder sexuell missbraucht habe. Ich habe wegen dieser Anzeige eine Einstellungsverfügung von der Staatsanwaltschaft bekommen. Ich denke, dass das Schreiben von der Staatsanwaltschaft Darmstadt gewesen ist.“

In einem Brief vom 18.07.1989 aus Darmstadt an den Betroffenen schreibt Buß:

Wie Du ja weißt, sind mir nicht alle wohlgesonnen. Zu den Bösen gehört(e) auch der Rektor einer Pfungstädter Schule, der mir mit einer Strafanzeige kam, weil ich nach Aussage eines mir nicht bekannten 13-jährigen Knaben demselben und seinem mir wohl bekannten Freund N.O. Porno in Gestalt von Heften, Platten, Filmen und gar Telespielen zukommen ließ, was dieses reife Kind später wieder zurücknahm. So der Kripobeamte am Telefon zu mir.“

2002 – Am 05.11.2002 gibt Erich Buß an, dass er bis zu seiner Pensionierung 1992 als Grund- und Hauptschullehrer an der Elly-Heuss-Knapp-Schule tätig war. Er sei ledig und lebe alleine in seinem Haus in der Ludwigshöhstraße 56. Es folgen die entscheidenden Sätze, die das gegen ihn gerichtete Strafverfahren prägen werden:

Ich leide seit 7 Jahren unter der Parkinsonkrankheit. Ich hatte auch bereits einen Herzinfarkt und habe Rückenbeschwerden durch einen verschobenen Wirbel.“

Nov. 2003„Wenn Strafe einen Nutzen bringen soll, finde ich es nicht gut, wenn Strafe etwas verhindern soll, kann ich es akzeptieren. Wie weit ich Kinder geschädigt habe, ist für mich noch nicht ganz gelöst. Aber dieses Verfahren zeigt, dass es zumindest höchst bedenklich ist, sich auf sexuelle Kontakte einzulassen.“ … Wenn der Gutachter dann noch einmal nachsetzt mit der Frage, ob Buß glaube, die Kinder geschädigt zu haben, konzentriert sich Erich Buß in seiner Antwort voll und ganz darauf, dass er die Jungen dem Strafverfahren ausgesetzt habe und man es nicht gutheißen könne, wie die Sache abläuft. Als er auch dies in Bezug auf die Kinder genauer erläutern soll, zeigt sich der gegenüber seinen Schülern immer wortgewaltig auftretende Buß absolut hilflos und versagt mit seiner Antwort: „Ich weiß es nicht. Ich weiß es schon, insofern ich sie (die Kinder) diesen Zwängen ausgesetzt habe. Was meine eigene Schuld betrifft, so denke ich, dass ich, mir fehlen die Worte … man kann es einfach nicht machen, das ist meine Erfahrung.“

Dass ich das nicht steuern kann, was ich in die Wege geleitet habe. Ich habe die Kinder abhängig gemacht, über das Maß hinaus, das üblich oder pädagogisch vertretbar ist.“

Ich hatte mir vorgenommen, das auf keinen Fall anzufangen. Es war ein Selbsterhaltungstrieb, weil es existenzbedrohend ist. Die bürgerliche und berufliche Existenz wird aufs Spiel gesetzt.“

Die Praktiken mit Jugendlichen waren lebensbedrohlich für mich. Ich war 40, als ich anfing, mit Jungen Sex zu machen. So lange habe ich durchgehalten.“

Ich habe versucht zu verhindern, dass andere sich über mich unnötige Gedanken machen. Ich habe mich nach außen hin abgeschirmt, bis zuletzt. Ich bin nie darauf angesprochen worden, es war ja ein tabuisiertes Thema. Insofern hatte ich meine Ruhe.“

Der auch in dieser Situation Pädagogik betreibt. Mein Ziel war, dass die Kinder unbefangen heranwachsen sollen. Ich sah dieses Tun auch als Teil pädagogischer Erziehungsarbeit damals.“

Es brachte ihnen nichts.“

Es wird diese auch nicht mehr geben. Unter dem Strich war es eine Fehlinvestition. Ich habe ja zu allen noch irgendwelche Kontakte. Keiner ist von denen später homosexuell geworden.“

Aber ohne Sex wäre es besser gewesen, wäre es wirkliche Pädagogik gewesen. Ich könnte ein Buch schreiben. Es war der falsche Weg.“

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