Schweigen oder es öffentlich machen?

Ich habe mich dazu entschlossen, immer und überall und mit jedem offen über meine Geschichte zu reden. Zwischen diesem Extrem und der Haltung, zu Niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, ist aber ein breites Feld. Jeder muss selbst entscheiden, wem er wie viel erzählt, zumal man niemals weiss, wie das Gegenüber reagieren wird. Nach meiner Erfahrung kann man aber die Reaktionen in vier Bereiche unterteilen…

Zunächst einmal möchte ich sagen, Outing ist ein Begriff, der mit uns absolut nichts zu tun hat! Outing ist ein Begriff aus der Schwulen- und Lesbenbewegung. Er bedeutet eigentlich (zumindest sollte es so sein), dass ein junger Mensch das erste Mal total verliebt ist und diese Liebe auch erwidert wird. Outing bedeutet, dass ein junger Mann zu seinen Eltern, Verwandten und Freunden geht, um ihnen zu erzählen, dass es da einen jungen Mann gibt, der ihm glücklich macht. Outing heisst, von seiner Liebe zu erzählen. Outing hat mit uns nichts zu tun!

Wir brechen unser Schweigen, das ist etwas vollkommen anderes. Unsere Gastautorin „L.S.“ hat es in ihrem Beitrag „Gesellschaft du bist ein Arschloch“ eindrucksvoll auf den Punkt gebracht:

Ich bin vergewaltigt worden. Ich übe diesen Satz jetzt so lange, bis er sich aussprechen lässt, wie wenn ich sagen würde „Mir wurde das Handtäschli geklaut.“. Es ist kein intimes Geheimnis, es ist ein Verbrechen und vor allem ist es nicht meine Schuld. Deswegen, Gesellschaft: Hör endlich auf mir was anderes einzureden!“

http://www.das-schweigen-brechen.org/?p=891

Mit anderen Worten, wir sind Opfer eines Verbrechens geworden, für das die Täter (je nach dem welcher Paragraph Anwendung findet), bis zu 3, 5 oder 10 Jahre Gefängnis und gegebenenfalls anschließende Sicherungsverwahrung bekommen.

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Folgende Fragestellung inspirierte mich zu diesem Beitrag: „An alle, die es öffentlich gemacht haben: Wie war es danach?

Öffentlich machen oder für sich behalten, das ist hier die Frage. Ich glaube, diese Frage sollte endgültig jeder für sich entscheiden. Aber entscheiden sollten wir. Ich habe in meinem Leben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es darauf ankommt, sich zu entscheiden. Gerade im Zusammenhang mit unseren sexuellen Gewalterfahrungen hat es mir gut getan, mich einmal grundsätzlich zu entscheiden. Ich hatte aber auch das „Glück“, dass sich mir mit meiner Retraumatisierung, als mir meine Vergewaltigungen wieder ins Bewusstsein kamen, sich direkt diese Frage für mich stellte. Meine Brüder, ebenfalls Opfer des selben Täters, hatten der bundesweit erscheinenden Tageszeitung „taz“ ein sehr offenes Interview gegeben. Erschienen am 16. 3. 2015: http://taz.de/!5016458/

Mit der Gründung von http://www.das-schweigen-brechen.org/ musste ich mich entscheiden, ob ich unter einem Pseudonym oder mit meinem Klarnamen auftreten wollte. Ich habe mich dafür entschieden, offensiv mit meiner ganzen Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Und eins kann ich nur bestätigen, „L.S.“ hat absolut recht, man muss diesen Satz üben: Ich bin vergewaltigt worden!

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Aber ich denke, wir sollten zu allererst einmal die Begrifflichkeit klären. Ich hoffe, dass wir den Begriff „Outing“ hier ein für alle mal streichen können. Ich möchte neben „Öffentlich“ den Begriff „Schweigen brechen“ ins Spiel bringen. „Öffentlich“ und „Schweigen brechen“ haben zwar eine Schnittmenge, aber trotzdem sollte man sie, glaube ich, getrennt betrachten. Zunächst einmal möchte ich kurz über den Begriff „Öffentlichkeit“ nachdenken.

Die Öffentlichkeit kommt eigentlich niemals auf einen zu – man muss sie, gerade zu diesem Thema, bewusst suchen. Auf Grund der geleisteten Arbeit von unseren Vorkämpfern hatte ich es da relativ einfach. Auch stand ich nicht alleine, mein Bruder Andreas Ratz ist diesen Weg mit mir zusammen gegangen. Grundlage hierfür war die Internetseite http://www.das-schweigen-brechen.org/ und das angeschlossene Forum. Da ich in diesem Forum beinahe der einzige Schreiber war, haben wir inzwischen Internetseite und Forum zu einem Blog vereint und parallel die gleichnamige Facebook-Seite aufgebaut. Für eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit braucht man eine gesunde Basis!

Auch wenn durch das vorhandene öffentliche Interesse im Fall Elly-Heuss-Knapp-Schule Darmstadt, wir natürlich auf eine sehr willige Presse stießen, sollte man für die Öffentlichkeitsarbeit ein paar Dinge mitbringen:

  1. Wissen ist Macht, darum sollte man wissen, wovon man redet.

  2. Man sollte sich eine Basis schaffen wie z.B. Internetseite, soziale Netzwerke…

  3. Man sollte möglichst stetig am Ball bleiben.

  4. Man sollte möglichst offensiv arbeiten.

  5. Man sollte thematisch möglichst breit aufgestellt sein.

  6. Man sollte bereit sein, sein Schweigen zu brechen.

  7. Man sollte stets mit seinem Klarnamen auftreten, Pseudonyme halten sich nur selten in der Öffentlichkeit.

In unserem Fall haben wir die breitest mögliche Öffentlichkeit erreicht. Hier einige Beispiele aus Presse und Fernsehen:

Darmstädter Echo am 22.09.2016: http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/fall-buss-wie-konnte-ein-darmstaedter-lehrer-33-jahre-lang-unentdeckt-schueler-misshandeln_17323692.htm

taz am 23.09.2016: http://www.taz.de/Archiv-Suche/!5340008&s=Elly-Heuss-Knapp/

ZDF – ML Mona Lisa am 8.10.2016: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2853438/ML-mona-lisa-vom-8.-Oktober-2016?setTime=312.729#/beitrag/video/2853438/ML-mona-lisa-vom-8.-Oktober-2016

Der Spiegel am 26.11.2016: https://magazin.spiegel.de/SP/2016/48/148160511/index.html?utm_source=spon&utm_campaign=centerpage

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Schweigen brechen ist im Gegensatz zur Öffentlichkeitsarbeit etwas Individuelles und sehr Privates. Raten mag man da eigentlich niemandem etwas. Alles was man tun kann, ist, von seinen Erfahrungen erzählen. Ich habe mich dazu entschlossen, immer und überall und mit jedem offen über meine Geschichte zu reden. Zwischen diesem Extrem und der Haltung, zu Niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, ist aber ein breites Feld. Jeder muss selbst entscheiden, wem er wie viel erzählt, zumal man niemals weiss, wie das Gegenüber reagieren wird. Nach meiner Erfahrung kann man aber die Reaktionen in vier Bereiche unterteilen:

  1. Das Gegenüber kann mit diesem Thema überhaupt nicht umgehen und reagiert gar nicht.

  2. Das Gegenüber zeigt starke Betroffenheit und nimmt sich viel Zeit um zuzuhören.

  3. Das Gegenüber offenbart, dass es selbst betroffen ist.

  4. Das Gegenüber reagiert mit Ablehnung, versucht die Verbrechen zu leugnen und wenn das nicht möglich ist, herunterzuspielen. Hass, Verleumdung und Mobbing sind Reaktionen, mit denen wir rechnen müssen.

Ich will versuchen, anhand von Beispielen das Verhalten der vier Gruppen verständlich zu machen und sowohl innerfamiliäre als auch welche aus dem Umfeld zu finden. Wobei uns klar sein muss, dass die Reaktionen einzelner Personen sich auch aus mehreren Verhaltensgruppen mischen können.

Zur ersten Gruppe, die mit diesem Thema nicht umgehen kann, gehört eindeutig eine sehr enge Verwandte, die das große Pech hatte, wesentliche Charakterzüge der Frau, die mir ihre Gene zugemutet hat, mit auf ihren Lebensweg zu bekommen. Zwischen uns war sowieso schon Funkstille, aber das hat Gründe, die nichts mit meinem Schweigenbrechen zu tun haben. Ich rief sie an, da ich nicht wollte, dass sie aus dem Internet oder aus der Zeitung davon erfährt. Jede Betonwand im sibirischen Winter hätte mehr Empathie gezeigt als sie.

Ein großer Teil meiner Mitmenschen hat durch meine Beiträge in Facebook davon erfahren. Beispielhaft ist hier eine Freundin aus unserem Dorf zu nennen. Sie war offensichtlich stark verunsichert und froh, als ich ihr signalisierte, dass eine Reaktion ihrerseits nicht zwingend erforderlich ist.

Für derartige Reaktionen gibt es sicherlich viele Gründe. Fakt ist, dass die allermeisten Menschen überhaupt nicht wissen, wie sie mit dem Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder umgehen sollen. Warum aber ist das so? Nun stellen wir uns doch mal vor, dass diese Freundin am Abend vor unserem Gespräch mit ihrem Mann geschlafen hat und es unglaublich innig, liebevoll, zärtlich und schön war. Am nächsten Vormittag komme ich daher und haue ihr folgendes um die Ohren: Ich war 8 Jahre alt, da hat mich ein 47 Jahre alter Lehrer oral vergewaltigt! Ich glaube, das war einfach ein bisschen viel für das arme Mädel…

Auch ist es wohl so, dass sich viele Menschen derart extreme Gewalt gegen Kinder nicht vorstellen können. Grundsätzlich ist das auch erstmal gut so. Wenn ein Kind geprügelt wird, dann fällt es den Menschen schon unglaublich schwer, einzuschreiten. Aber dass ein Kind vergewaltigt wird, damit wissen sie überhaupt nicht umzugehen. Sie haben Ohren, aber sie hören nicht und sie haben Augen, aber sie sehen nicht. Sie meinen, wenn sie nicht hören und nicht sehen, dann ist es auch nicht.

Zu der zweiten Gruppe gehört selbstverständlich mein Bruder Andreas Ratz. Als die Erkenntnis, dass ich als Achtjähriger vergewaltigt wurde, Ende März 2015 über mich herein brach, da war er 24 Stunden am Tag nur für mich da. Ich gondelte damals mit einem 40t LKW auf der Autobahn herum. Dass das unfallfrei über die Bühne gegangen ist, verdanken ich und meine Mitmenschen ausschließlich ihm!

Der zweite Mensch, den ich hier erwähnen möchte, ist Beate. Sie war meine Therapeutin als ich acht Jahre alt war. Nachdem sie mit viel Geduld zu mir durchgedrungen ist, hat sie mir mehr gegeben als jeder andere Mensch. Sie war neben Andreas Ratz der einzige Mensch, dem ich jederzeit bedingungslos vertrauen konnte. Beide, Andreas und Beate, waren in meinen dunkelsten Stunden für mich da.

Ich möchte an dieser Stelle aber auch noch von Frank erzählen. Wir kennen uns seit 44 Jahren. Wenn es einen Menschen gibt, der die Bezeichnung Freund verdient, dann er. Seine Reaktion kurz zu analysieren erscheint mir sinnvoll, denn ihn muss man gleich zwei Gruppen zuordnen. Zum einen kann er überhaupt nicht mit diesem Thema umgehen, zum anderen zeigt er aber starke Betroffenheit und hörte mir immer zu, wenn ich ihn brauchte. Da tauchten Fragen in ihm auf. Warum habe ich nichts mitbekommen? Wir waren doch jeden Tag zusammen unterwegs…

Was mir bei den Gesprächen mit Frank klar wurde, dass ich meine Zuhörer fordere und aufpassen muss, dass ich sie nicht überfordere. Die emotionale Belastung, gerade von engen Freunden, ist sehr hoch wenn wir uns offenbaren. Was wir auch immer im Hinterkopf haben müssen, dass unsere Zuhörer vielleicht selbst zu den Betroffenen gehören.

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In meiner Ursprungsfamilie gibt es kaum jemanden, der nicht zu den Betroffenen gehört: Mutter, erster Sohn, zweiter Sohn, dritter Sohn – allesamt vergewaltigt bzw. missbraucht worden! In meinem direkten Umfeld finde ich problemlos und ohne lange nachdenken zu müssen, etwa 20 Personen, die missbraucht oder vergewaltigt wurden.

Missbrauch ist ein Wort, das ich selbst nicht verwende, egal wie die Tat rechtlich bewertet wird. Aber ich weiss von zumindest einem Fall, in dem das Opfer vor Gericht erklärt hat, dass es weder missbraucht noch vergewaltigt wurde. Als er dann seine Aussage gemacht hatte, erklärte ihm der Richter, dass es sich juristisch ganz eindeutig um Missbrauch nach § 174 handelt.

Wer an die Öffentlichkeit geht bzw. konsequent sein Schweigen bricht, der muss damit rechnen, dass er schnell feststellt, dass er mit diesem Schicksal nicht alleine ist. Das heißt, dass wir stets im Hinterkopf haben sollten, dass wir unser Gegenüber grade triggern. Vergessen wir nie, dass man oft gar nicht weiß, dass man zu den Betroffenen gehört, bis man getriggert und retraumatisiert wird. Mir selbst erging es so!

Aber wenn ich mich heute noch mal entscheiden müsste, ob ich an die Öffentlichkeit gehe und mein Schweigen breche, oder, wie von der Gesellschaft gefordert, still in meinem Kämmerlein vor mich hin sterbe: Ich würde mich wider so entscheiden!

Die letzte Gruppe ist die Gruppe der Täter und Mittäter, der Mütter und Tanten, der Nachbarn und Lehrer… Sie wollen uns zum Schweigen bringen und es gibt absolut nichts, was sie unversucht lassen, um dieses Ziel zu erreichen.

In meiner Ursprungsfamilie gibt gleich zwei Personen, die ich hier einordnen muss. Da hätten wir meine „Mutter“ die ich „Die Frau die mir ihre Gene zugemutet hat“ nennen darf (das hat mir ein Gericht erlaubt) und Anton Rudolf, der Jüngere, von meinen beiden älteren Brüdern. Es gibt da aber auch einen breiten Teil der Gesellschaft, der uns scheinbar zu Wort kommen lässt und trotzdem, hinter den Kulissen alles tut, damit wir nicht gehört werden. Nennen möchte ich da, alle darmstädter Parteien, ausgenommen die Linke. Da gibt es die Staatsanwaltschaft Darmstadt, die Richterich Fr. Jöbges, die wissentlich ein falsches Urteil sprach… Aber Freunde gab es keine. All meine Freunde haben zu mir gestanden.

Wo es ein Täter gibt, da gibt es auch ein Opfer. Und wo es Täter und Opfer gibt, da gibt es immer auch jemanden der weggesehen hat! Ich glaube, dieser Satz erklärt wie kein anderer, warum sie uns so sehr hassen. Unsere Existenz führt ihnen Tag täglich ihre Schuld vor Augen. Anton und meine Erzeugerin, beide haben wirklich alles versucht, um uns zum Schweigen zu bringen. Der eine, weil er unterbewusst glaubt schuldig zu sein, die andere, weil sie weiß, was sie getan hat. Anton hat nichts getan, er wahr 10 und ich war 8. Anton fühlt offensichtlich eine Schuld, mit der er nicht leben kann. Aber ihn trifft keine Schuld auch wenn er mich begleitet hat. Er ist Opfer, ebenso wie ich es bin. Bei der Frau, die mir ihre Gene zugemutet hat, ist das anders. Sie war es, die mich zu ihm geschickt hat. In ihrer Aussage vor der Kommission räumte sie ein, dass sie die Hinweise ihrer Kinder hätte wahrnehmen können und zu ihrem Schutz hätte eingreifen können. Deutlicher darf ich mich leider nicht ausdrücken, da die Richterin Frau Jöbges ein falsches Urteil sprach, das es mir verbietet die Wahrheit zu sagen.

Als wir unser Schweigen brachen, da hat sie uns unsere Erzeugerin mit ihrem Hass verfolgt und nichts, absolut gar nichts unterlassen um weiter mit weißer Weste, als die ach so Heilige dazustehen. Sie hat Anton benutzt um zu erpressen, eine falsche Eidesstattliche Versicherung vor Gericht abgegeben, sie hat versucht unsere Familien zu zerstören, und sich rechtswidrig sich ein Haus anzueignen… Ich will hier gar nicht weiter ins Detail gehen, denn die tun hier nichts weiter zur Sache.

Wer sein Schweigen bricht, der muss auch mit solchen Reaktionen rechnen. Oft, viel zu oft sind es unsere Mütter die es gewusst und geduldet haben. Meine Ursprungsfamilie ist zerbrochen, aber das ist auch gut so. Denn was ich gewonnen habe, das ist so viel mehr wert. Der Teil der Familie, der mir geblieben ist, ist so viel wertvoller und ich möchte ihn nie wieder missen.

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