Ein lautes, verzweifeltes Brüllen

„Ob der „gemeine Freier“ wohl je begreifen lernen wird, dass ein gekaufter Fick niemals die Löcher in seiner Seele zu stopfen vermag?  Dass ein oberflächlicher Fick niemals Ersatz sein kann für innere Leere?  Diesem Schreien und Sehnen nach MEHR?“

Dieser Beitrag von Luise Kakadu ist eigentlich viel zu lang:  Acht DIN A 4 Seiten!  Ich bin ehrlich, ich habe kurz überlegt, ihn in zwei Teilen zu veröffentlichen. Aber das geht nicht.  Es wäre respektlos.  Nein, hier ist ein Mensch, der uns einen so tiefen Einblick in sein Denken und Fühlen gewährt, dass man behutsam mit ihren Worten umgehen sollte.

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Ein lautes, verzweifeltes Brüllen innerhalb meines Traumes, hatte mich heute Früh um 4:15 Uhr aus dem Schlaf fahren lassen.

Wenn ihr mich nicht mögt – warum WOLLT ihr mich dann?“

Als ich erwachte, zitterte ich.  Schon den ganzen Morgen, seit ich hier sitze und versuche mich abzulenken, drängt mich mein Hirn zurück zu diesem Satz.  Ich blätterte auf Facebook herum und spielte Spiele.  Und stieß doch immer wieder auf Prostitutionsthemen.  Auch auf Beiträge der Pro-Prostitutionslobby.  Auch bei SurvivorOfProstitution sprechen die Kommentare, deren Anzahl und Formulierungen unter ihren letzten Beiträgen ihre eigene Sprache.

Freier verteidigen ihr unreflektiertes Tun.

Spiegel-online

Update

Über Freier, Zynismus und das Umdenken

Auch den Blog von Prostitutionskritik  habe ich heute gefunden.

Wenn ich all dieses lese und zurück denke, wie ich selbst gewesen war – was inzwischen in mir alles passiert, geheilt, gesehen und verstanden ist – und welch gravierende Veränderungen passieren, sobald sich der Vorhang des Selbstschutzes; der Dissoziation und der Schönrednerei hebt.  All das in gerade mal 4 Jahren!

Ich bin vollkommen fassungslos über das System Prostitution – ÜBERHAUPT all den Sex als Manipulationswerkzeug und auch über mich selbst.  Prostitution ist letztlich nur EIN Bestandteil eines derart unüberschaubaren und völlig selbstverständlich gewordenen Manipulations- und Unterdrückungsapparates, dass man den vollen Umfang vermutlich nur noch schwer begreift.  Auch ich bin gewiss nicht in der Lage, ALLES zu begreifen.

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Es kommt mir vor wie ein Spinnennetz, in welchem Menschen um ihr Fühlen-können zappeln; um ihr Leben – doch sie merken es nicht.  Und die Spinnen sind jene, die Macht und Geld wollen – und die anderen aussaugen, bis nichts mehr übrig ist vom Fühlen, vom Mensch-sein, vom Selbstbestimmt-sein.

Es macht mir große Angst, mir Gedanken darüber zu machen, in mich hinein zu fühlen, mich selbst zu erkennen und mich zu erinnern, wie es bei MIR gewesen war…

Als Kind von der Oma gequält, geprügelt, ungewaschen…  Vom „lieben Onkel“ getröstet „fürsorglich“ und „liebevoll“ gewaschen worden und diesen Irrsinn implantiert, dass dies Liebhaben sei, Wertschätzung, Fürsorge und dass ich, je „lieber“ und „netter“ ich zu ihm und der Tante sei, umso mehr geliebt würde.

Jüngere Erinnerungen und Flashbacks zeigen mir, dass ich so das Blasen lernte. Dass ich so dressiert wurde, Männer am Arsch zu lecken und den Schwänzen.  Und Frauen die Fotzen zu lecken und die Nippel zu lutschen.

Weil ich mit 4 Jahren doch so gerne endlich geliebt werden wollte.

Als ich mit ca. 20 Jahren, dann im heimischen Schlafzimmer fremde Männer empfing, während mein erster Ehemann an der Schlafzimmertüre durchs Schlüsselloch spannte, sich hierbei den Schwanz wichste und anschließend das Geld kassierte und mit den Freiern gemeinsam Kaffee trank um in meiner Anwesenheit – in gebührendem Abstand zu den 2 Männern – noch ein wenig über meine Fickqualitäten zu plauschen, tat ich dies noch immer, um liebgehabt zu werden.  Weil ich mich nach all den Jahren noch immer so sehr danach sehnte.  Man mir auch tausendfach gesagt hatte, dass man dies tun würde – und doch habe ich es niemals gefühlt.

Und egal, mit wie vielen Freiern ich fickte und egal, wie brav ich auch immer gewesen war, wie viel Geld ich gab – ich konnte sie nie finden:  Die Liebe!

Schon für meine Oma war klar gewesen:  „Wenn ich dich nicht lieb hätte, würde ich dich hier nicht dulden!“ – und dann rannte sie mit dem Rohrstock hinter mir her…  Auch mein Exmann sagte:  „Wenn ich dich nicht lieben würde, wärst Du überhaupt nicht hier!“ – und schickte mich mit dem nächsten Freier ins eheliche Schlafzimmer…  Liebe – das war für mich, irgendwo atmen zu dürfen, ohne verjagt zu werden. – manchmal nicht einmal das…

Wo ich jetzt so zurück sehe, fällt mir auf, dass ich mein Leben lang nur Beziehungen mit Freiern hatte.  Mein Exmann war bereits vor meiner Zeit regelmäßig zu Huren gegangen.  Der Mann danach war nur einfach zu knausrig – vom Charakter her aber dennoch ein ganz mieser Freier-Typ.  Dann ein paar Kollegen aus der Zeit in Fahrerjobs (immer nur für wenige Wochen) – ich habe niemals einen Berufsfahrer kennengelernt, der nicht zu Huren ginge.  Und ab 2000 hatte ich sowieso nur noch Freier.  Männer, die mich als Hure kennenlernten – und es mit ganz viel Honig schafften, mich von ihrer Liebe zu überzeugen.  Und davon, dass sie mein Geld ja bräuchten, weil sie sonst nicht leben könnten.  Und weil ich es ja gewohnt war und nicht anders kannte, bezahlte ich jeden Einzelnen von ihnen für ihr kleines Stückchen „Liebe“, dass sie mir hierfür zu geben bereit waren.

Wo hätte ich auch jemals einen anderen kennenlernen sollen?  Wo hätte ich sein können, um einen nicht-Freier kennen zu lernen?  Wie hätte ich es schaffen sollen, einen Mann mit Moral; mit Herz; mit Geduld kennenzulernen und es ihm Wert zu sein, mit mir und um mich zu kämpfen?  Welchen anständigen Mann hätte es denn nicht erschreckt oder gar geekelt, hätte ich ihm meine Wahrheit erzählt?

Und so gab es in meinem Leben nur Freier:

  • Freier-Denken

  • Freier-Fühlen

  • Freier-Moral

  • Freier-Überzeugungen

  • Freier-Sexualität

  • Freier-Wünsche

  • Freier-Vorlieben

  • Freier-Worte

  • Freier-Trieb

Hätte ich sagen sollen, wie „Männer“ sind, hätte ich Freier beschrieben.  Ich kannte nichts anderes.  Und Liebe war es, dass ich Geld bezahlte und dafür existieren durfte.  Liebe war, private Hure zu sein und vollkommen tabulos alle Wünsche zu erfüllen.  Jederzeit, immer und ohne Nein.

Weshalb hätten sich solche Männer dieses selbst rauben sollen, indem sie mich darauf hinwiesen, dass Solches keine Liebe ist?

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Und so blieb ich all die vielen Jahre unreflektiert.  So viele Jahre in dem Irrglauben und der Konditionierung, ausschließlich zu leben, um Schwänze zu blasen. Ausschließlich zu leben, um Männer glücklich zu machen.  Als alleiniges Existenzrecht.  Sie haben mir dies ja die Jahre über immer weiter und wiederholt bestätigt.  Weiter bestärkt.  Wie hätte ich je daran zweifeln können?  Dass „Männer so sind“, war in mir eine eingebrannte Tatsache und nicht zu bezweifeln.  So versuchte ich drum herum zu sein, dass es sich anpasste.  Früher, als ich in Appartements und unter Zuhältern arbeitete, musste ich tun, was diese wollten:

  • Sie schrieben die Preise vor

  • Sie ließen keine Pausen zu

  • Man musste jeden nehmen

  • Sie schrieben die Zeiten der Schicht vor (teilweise 12-15Std.- Schichten)

  • Sie schrieben den „Service“ vor

  • Sie forderten Straf-Gelder bei nicht-Einhaltung ihrer Regeln

Anmerkung:  Ganz früher war ohnehin alles nur safer.  Fast nur deutsche Frauen, stabile Preise und gute Umsätze.  Ab 2002 gab es fast nur noch Wohnungen, in welchen zumindest Oralverkehr ohne Kondom (FO) „Standard“ war.  Betreiber nötigen die Huren dazu, dies – in jedem Fall bei „halbe/halbe“ (das häufig bessere System; der Umsatz geht zur Hälfte an den Betreiber) – mindestens zu machen.  Besser noch bieten sie „Französisch mit Aufnahme“ (da darf man ausspucken) oder noch besser „mit Schlucken“ (FT) an.  Heute wird oft auch „alles ohne“ (AO) – also auch Geschlechtsverkehr ohne Kondom – angeboten.

Da ich dies nicht tun wollte, bot man mir selten auch an, stattdessen dann auf Tagesmiete dort zu arbeiten.  Dies bedeutet, dass ich +/- 120€ am Tag zu bringen hatte, um überhaupt dort arbeiten zu dürfen.  Weil Betreiber fürchteten, ich würde mit Saferservice (IHNEN) nichts verdienen und einen Arbeitsplatz blockieren für eine Tabulos-Hure, die ihnen mehr Geld brächte, als ich. Sie fürchteten also durch mich ein Verlustgeschäft mit mir.  Die meisten jedoch schickten mich weg.  Es war schwer, einen Arbeitsplatz zu finden, wo ich noch safer arbeiten durfte.

Ich hatte Erlebnisse mit Freiern – ich hätte pausenlos Anzeigen erstatten können:

  • wegen Körperverletzung durch Bisse in Brustwarzen, Schamlippen, Klitoris und Oberschenkel

  • wegen Markierung durch Knutschflecke

  • wegen Vergewaltigung – wenn wieder einer das Kondom heimlich abgezogen und mich gegen meinen Willen und gegen jede Absprache besamt hatte

  • wegen pausenloser Versuche, mich zu küssen; mir die Zunge in den Mund zu quetschen oder auch, weil sie mir ins Gesicht spuckten

  • wegen der Versuche, gegen alle Absprachen in meinen Anus einzudringen – und mir das ständig als „Versehen“ verkaufen zu wollen

  • wegen der beständigen Nötigung, Oralverkehr ohne Kondom machen zu MÜSSEN – obwohl ich dies gar nicht anbot

  • wegen Quetschungen, Kratzern und Rissen, blaue Flecken und anderen Schrammen

Oft hatte ich bei ausländischen Freiern das Gefühl, sie würden an deutschen Huren versuchen, all den Missbrauch, die Entwertung und Schändung wieder gut zu machen und auszugleichen den deutsche Freier an Frauen ihrer Nationalität begehen.  Wie unsagbar wütend, hasserfüllt und voller Abscheu sie mich fickten und zugrunde rammelten; mich markieren wollten und verletzten, sprach eine eigene Sprache.

Aber Betreiber von Wohnungen lassen nicht zu, dass man Freier ablehnt.  Sie lassen nicht zu, dass man Grenzen hat.  Sie erlauben nicht, dass man selbst entscheidet, wem man seinen Körper zur Verfügung stellt.  Und so ertrug ich viele Jahre lang, dass andere darüber bestimmten und hielt es für normal.

Und auch heute noch, wenn ein junges Mädchen völlig unerfahren in ein Etablissement kommt, wird ihr gesagt:  „Alle machen das!  Wenn Du Geld verdienen willst, MUSST Du das tun! Du darfst nur hier sein in diesem tollen, wunderschönen Etablissement, wenn Du bereit bist, im TEAM zu arbeiten!“

Und dieser Gruppenzwang, dieses „alle tun das“ und die Unwissenheit und Unerfahrenheit, die fehlenden Zweifel an der Aufrichtigkeit von Betreibern und Kolleginnen, all die Lügen und das aus dem Job fließende, für das junge Ding völlig flashende, viele Geld lassen jede Vorsicht schwinden und jedes Denken und sie glauben, was alle sagen:  „Französisch ohne Gummi ist völlig ungefährlich.  Du musst nur schnell runter schlucken, dann macht die Magensäure alle Bakterien kaputt.  Es kann gar nichts passieren.  Wir machen das schon seit Jahren so.“  Und welche 18-jährige fände es denn nicht toll, so leicht am Tag ein paar hundert Euro zu verdienen?  Und so machen sie, was „alle tun“ – Und fragen nicht – Und kein anderer sagt es ihnen – Und sie bleiben, wie ich es war – Und nichts ändert sich…

Bei mir änderte sich etwas:

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Nach vielen, vielen Jahren und tausenden von Freiern, die immer wieder einmal klitzekleine Krümelchen des Zweifels fallen ließen, die ich allesamt aufsammelte und überdachte – Sie hatten gesagt:

  • „Du bist viel zu schade für diesen Job“

  • „Du hast etwas besseres verdient“

  • „Du kannst doch viel mehr als DAS“

Und vieles anderes, in welchem sie versuchten, Wertschätzung auszudrücken.  Und ich habe durchaus gemerkt, dass es verschiedene Männer; verschiedene Freier gibt.

Ich dachte:  wenn es meine Lebensaufgabe ist, Männer glücklich zu machen – wenn es meine Aufgabe ist, ihnen etwas zu schenken – wenn es meine Aufgabe ist, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen – wenn es meine Aufgabe ist, Gutes zu bewirken – wenn es meine Aufgabe ist, die Welt ein bisschen zu heilen, dann muss ich aufhören, Perlen vor die Säue zu werfen und ich hörte auf, für Betreiber zu arbeiten.  Ich hörte auf, mir von Betreibern laufend anzuhören, was ich tun und anbieten müsse.  Ich hörte auf, um einen Arbeitsplatz zu bitten, für den ich teures Geld bezahlen sollte – um dann doch laufend zu hören, wie Scheiße ich sei.  Ich hörte auf, es ständig jedem Recht machen zu wollen.  Ich hörte auf, mir Gedanken zu machen, warum mich Huren und Betreiber nicht mochten.  Und ich hatte die Schnauze gehörig voll davon, dass sie mich ständig GLEICH machen wollten.

Ich sollte werden und sein wie sie, aber ich war ich und ich wollte sein, wie ich, und tun was ich für richtig hielt.  Und all die Jahre, in welchen ich versucht hatte, ihnen in den Arsch zu kriechen, haben sie nach mir getreten. Ich habe Betreibern auf ihr Geheiß den Schwanz geblasen an schlechten Tagen – damit ich von dem einzigen Freier des Tages nicht auch noch die Hälfte abzugeben brauchte.  Habe gebettelt und gebeten, dass ich dort arbeiten durfte.  Es wurde Zeit, dass das aufhörte.  Und ich die sein konnte, die ich war – dachte ich zumindest.  So entschied ich, alleine zu arbeiten.  Und zu tun, was ICH für richtig hielt.  Suchte mir Freier, die sich nicht wirklich wie Freier benahmen – Freier, die andere Bedürfnisse und andere Themen hatten, als typische Freier-Ficks und die Benutzung einer (sich tot stellenden und leidensfähigen) Frau.

Und ich sagte Nein!

  • Nein zu all jenen, die meine Grenzen nicht respektierten.

  • Nein zu all jenen, die Dinge wollten, die ich nicht anbot.

  • Nein zu jenen, die „nur mal eben drüber rutschen“ wollten.

  • Nein zu jenen, die meine Sprache nicht verstanden.

Und ich schwang mich auf zur „Sexworkerin“ und einer Art Heiligen, die durch achtsamen Körperkontakt die Seelen verdörrter Männer wiederbelebt – so zumindest mein Plan und die Vorstellung in meiner Seele, die ich brauchte, um all dies weiter tun zu können.  Ja, die letzten Jahre in der Prostitution waren für mich fast schön.  Zumindest empfand ich das so.  Ich hatte nur noch nette Gäste:  Nur bedürftige Gäste, dankbare Gäste.  Wichtige Aufgaben, ich führte Seelen in neues Leben, half Ehen retten, schenkte Verständnis und Geduld, machte Mut und gab Kraft und Geborgenheit…

Meine Zeiten mit solchen Männern bestanden gewiss zu 75 % nur aus Gesprächen.  Ich hatte fast durchweg Termine über 1 Std.  Und nur noch sehr selten verschätzte ich mich, was die Charaktere der Männer betraf – die Gewalt in meiner Tätigkeit nahm rapide ab, seit ich selbst entschied, wen ich traf. Irgendwie redete ich mir ein, ich sei nun WICHTIG.  Die Männer brauchten mich.  Sie profitierten von meiner Erfahrung und meinem Wissen.  Nicht nur sexuell, sondern in unzähligen Gesprächen.  Wir reflektierten über alle mögliche Themen.  Über Moral, Frauen, Wünsche, Gott, Krebs, Zwischenmenschliches…  Ich war für sie da, wo es kein anderer war. Ich fing sie auf, stützte und begleitete sie, wo sie niemandem anderen vertrauen konnten.  Ich wusste Geheimnisse, die niemand ahnte.  Ich durfte Schwächen sehen, die sonst keiner erkannte.  Und ja, „meine Männer“ waren anders als der „gemeine Standard-Freier“.  Und ich bin mir noch heute sicher, dass viele dieser Männer nicht gelogen hatten, als sie sagten, dass niemals zu Prostituierten gehen würden – denn sie suchten keinen Sex.

Zumindest nicht in erster Linie.  Aber in mir sah man keine Hure.  Man erkannte sie nicht.  Hatte dies nie getan.  Höchstwahrscheinlich war ich es nie.  Würde es einen Beruf geben, welcher alles bedient, das eine Hure zu geben vermag (außer Verkehr) – mit Körperkontakt, Verständnis, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen, Wahrnehmen, Geborgenheit, Auffangen, Sein-dürfen, – wie hieße der dann wohl?

Vielleicht sind es die unbewussten kleinen Jungs in solchen Männern, die irgendwie nach der helfenden Mama weinen.  Zurück an die Geborgenheit der Mutterbrust und der wärmenden, verstehenden Liebe und Sicherheit…  Jedenfalls hatte ich es so empfunden.  Und auch so in die Welt gerufen.  Ich bin freiwillige, selbstbewusste und leidenschaftliche Sexworkerin:  Ich liebe meinen Beruf!

Und dennoch, jene Männer, die meine Gäste waren, waren zu einem Großteil keine Freier im Herzen.  Sie suchten nach Antworten, nach anderen Wegen und Lösungen.  Sie wollten reflektieren und viele von ihnen hatten eine hohe Moral.  Gab ich ihnen Antworten und zeigte ihnen Wege – manchmal während mehrerer Termine – machten sie sich schlussendlich wieder davon in ihr eigenes Leben und entwickelten sich weiter.  Ich sah sie nie wieder.  Meine Arbeit hatte Erfolg.  Ich habe unzählige Dankesmails erhalten.  Und jene, mit denen man hätte Geld verdienen können, weil sie jede Woche auf einen kurzen Fick hätten kommen wollen, die nichts lernen oder ändern wollten, die auf ihre Ehefrauen schissen; auf deren und ihre Gesundheit, die „Abwechslung“ suchten um jeden Preis.  Die nicht reflektieren, nicht respektieren und nicht achten wollten: Die wollte ich nicht!

Am Ende waren es zu wenige die mir blieben, als dass ich davon hätte leben können.

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Als ich dann bei einer Huren-AUSSTIEGSHILFE um Hilfe bat, sagte man mir dort, dass ich blöd sei.  Warum ich denn aussteigen wollte?  Wo ich doch einen so guten Stand hätte?  Ich soll mich doch nicht so blöd anstellen – Und was ich eigentlich hätte hier mit meinen „Sonderwünschen“? – Ich sei ja wohl rassistisch! -Ich soll gefälligst JEDEN kommen lassen. – Und gefälligst tun, was ALLE tun! – Französisch ohne Kondom sei doch kein Problem – Das machen ALLE! – Ich soll mich nicht so anstellen! – Und wenn ich ab sofort nun jeden kommen ließe und alles täte, dann würde ich auch Geld verdienen! – und man schickte mich weg.

Heute nun schreit die Sexarbeiterlobby, sie sei wie ich!  Sie leiste wichtige und wertvolle Arbeit, Sie kümmere sich um Behinderte, um unerfahrene Männer, Senioren in Pflegeheimen, um jene, die keiner will, Sie seien verantwortungsvoll und wichtig!

Davon, dass sie sich auch an gewalttätige, triebgesteuerte Freier-Typen verkaufen, redet ja keiner.  Und davon, dass man mich einst genau hierfür auslachte, ausgrenzte und lächerlich machte, auch nicht.  Heute kommt es ihnen gelegen.  Und sie versuchen die Politik und das Volk davon zu überzeugen, dass sie zu wertvoll seien, um verboten zu werden.

Aber hierin stehen zu viele Dinge, die unzutreffend sind.

Dinge die zeigen, dass es am Ende doch nur ums Geld geht.  Und dass die Worte Verantwortung, Fürsorge, wertvoll, wichtig und notwendig hier dermaßen missbraucht werden, mutiert und zweckentfremdet, dass man dem Einhalt gewähren muss.

Bzgl. dem „Wert“ von „Besuchen durch Sexualbegleiterinnen in Einrichtungen“ habe ich im Laufe meiner Tätigkeit begriffen, dass sämtliche, durch Dritte vermittelte Termine mit Bewohnern in irgendwelchen Senioren- oder Behinderten-Einrichtungen, nichts Gutes sind.  Dass sie über griffig sind, dass sie Grenzen missachten, dass sie in Wahrheit niemals zum Wohle des Bewohners sind, dass viel zu viel falsch läuft…  Daran ändern auch diese „Kurse“ nichts, die zum Teil bereits von manchen öffentlichen Trägern angeboten werden.  Kurse und Weiterbildungen zur Sexualbegleiterin…

Und am Ende organisieren Heimleitungen von Behinderteneinrichtungen, dass eine Hure ins Haus kommt.  Sie soll dann „der Reihe nach“ die Bewohner abficken.  Bestenfalls jene, die sonst immer die Pflegerinnen begrapschen oder die durch irgendein „auffälliges Verhalten“ unbequem sind.  Jene, die nicht ruhig zu kriegen sind oder gern mal Pornos gucken.

Ich weiß von einer Sexualbegleiterin, die ursprünglich zu 1 oder 2 Terminen in eine Einrichtung fuhr.  Und urplötzlich von der Heimleitung immer weiter und weiter durch die Zimmer geschickt wurde.  Ohne Pause zwischendrin; ohne Waschgelegenheit; ohne Essen und Trinken – am Ende waren es über 10 Termine.  Aber Hauptsache, die Bewohner waren befriedigt und nun wieder ruhig.  Ruhig, ohne Wollen, ohne Druck und einfach im Umgang.

Ich selbst habe solche Termine nur selten gemacht – weil ich schnell merkte, wo es hin führen sollte.  Weil meine Bitten und Vorgaben selbstverständlich zugesagt wurden, aber niemals erfüllt.

Und keiner jemals wirklich den Bewohner fragte, was er eigentlich will, eigentlich braucht, eigentlich sehnt…  Und ich niemals wusste, ob wirklich ICH gewollt war – ÜBERHAUPT gewollt war – DIESES gewollt war – SO gewollt war…

ES INTERESSIERT NICHT!

Wenn Zwei sich zusammentun, um Geld zu verdienen – dann hat  der Dritte keine Chance…  Schon gar nicht, wenn er behindert ist.  Schon gar nicht, wenn er alt ist.  Schon gar nicht, wenn er abhängig ist.  Menschen in Wohnheimen können sich sehr oft nicht wehren und wenn der Staat womöglich Sexualbegleitung in betreutem Wohnen bezahlen, fördern und unterstützen würde, dann würden zukünftig viele alte und behinderte Menschen vergewaltigt werden.

Weil skrupellose Heimleitungen im Zusammenschluss mit skrupellosen Betreibern/Zuhältern beginnen könnten, all die nun, durch den Staat/die Gesundheitsämter/die vom Staat geförderten Huren-Verbände ausgebildeten, neuen „Sexualbegleiterinnen“ gegen weitere staatliche Fördergelder auf Menschen mit Behinderung und Senioren loszulassen.

Sorry – der Satz ist der Hammer!

Wenn man ihn verstanden hat und das Ausmaß der Aussage bewusst wird, kann man nur schreiend davon laufen.  Aber ja – der Staat fördert Huren-Verbände (eigentlich die Ausstiegshilfe).  Und die Huren-Verbände bilden Sexualbegleiterinnen aus.  Die Huren-Verbände fordern Sexualbegleitung auf Staatskosten.

Mehrfach hatte ich in Heimen Termine mit Männern, die überhaupt nicht begriffen, warum ich da war.  Die nicht begriffen, was ich „wollte“.  Die nicht verstanden und nicht gefragt wurden, dass sie eine Wahl hätten.  Dass es nicht ich sein müsste, die da ist.  Nicht dieser, meiner „Service“.  Nicht überhaupt.  Männer, die aufgrund ihrer Behinderung überhaupt nicht entscheiden konnten, ob, was, wann und wie sie etwas wollten.  Und doch hatte man mich zu ihnen geschickt…

Weil sie doch schließlich den Pflegerinnen an den Po fassen oder weil sie masturbieren oder weil sie komisch gucken…  Ist das ein Grund, ihnen eine Hure zu bestellen?  Ist das ein Argument, dass ich sie anfasse?  Ihren Penis berühre?  Ohne zu wissen, ob sie das überhaupt wollen?

  • DAS ist für mich Missbrauch

  • Missbrauch an Schutzbefohlenen

  • Missbrauch an hilflosen Menschen

  • Durch die Heimleitung

Und eben nicht zum Wohle des Senioren oder des behinderten Menschen, sondern ausschließlich zum Wohle der Heimleitung und der Mitarbeiter:  Dass Ruhe ist!  In jedem Fall würden jene Männer (also die Behinderten, die Senioren in Wohnheimen) vermutlich von eifrigen und unreflektierten frisch ausgebildeten Sexualbegleiterinnen vergewaltigt werden, weil die gar nicht erst fragen.  Die psychisch Kranken und all die „Ungewollten“ oft ebenso.  Weil für sie diese wundervolle Sexwork ja so wichtig sind.

Genauso ist es unzutreffend, dass die Sexworkerinnen der Sexarbeiterlobby zum Wohle irgendwelcher anderer Männer arbeiten und gebraucht sind.  Weil wirkliches Wohl der Männer bedeuten würde, sie sehend zu machen und ihnen zu helfen, ihre Ehen, ihre Seelen und ihr Wohlbefinden dauerhaft in Ordnung zu bringen.  Aber das habe ich ja selbst erlebt:  Man verdient damit kein Geld, die Männer kommen irgendwann nicht mehr wieder, die Männer haben genug gelernt, genug begriffen, genug erfahren und sie würden in ihr Leben heilen, vielleicht eine Therapie machen, den Arbeitgeber wechseln und beginnen, nach der Freude in ihren Leben zu suchen…  Und am Ende keinen Bedarf mehr haben auf käuflichen Sex.  Weil ihre Leben sich verändert hätten.  Und sie die Lieblosigkeit und Leere der Fickerei gegen Geld plötzlich fühlen könnten.

Aber das wollen die Sexarbeiter in Wahrheit doch gar nicht, weil sie dann kein Geld mehr verdienen würden.  Und am Ende womöglich überflüssig wären…  Die Väter würden ihren Söhnen zukünftig als Lösung eines Problems nicht mehr zum Puff-Besuch raten!  Kollegen nicht mehr beim Bierchen mit irgendwelchen Weibern prahlen.

Das Bewusstsein würde sich ändern und Frauen würden Wert erlangen – auch für Freier.  Ob der „gemeine Freier“ wohl je begreifen lernen wird, dass ein gekaufter Fick niemals die Löcher in seiner Seele zu stopfen vermag?  Dass ein oberflächlicher Fick niemals Ersatz sein kann für innere Leere?  Diesem Schreien und Sehnen nach MEHR?

Oder die „billige Nutte“ – also jener, die von Freiern und Teilen der Gesellschaft so gesehen und tituliert wird – jemals erkennt, dass das was sie in Wahrheit sucht, niemals bei Freiern zu finden ist?

Aber wie gesagt – über die brutalen und fiesen Freier spricht man nicht.  Sie sind dann übrig für die Straßennutten, über welche die tollen Sexwork-Frauen aber ebenfalls nicht sprechen.  Das betrifft sie alles nicht.  Solange man nur Gutes tun kann – auf Staatskosten – ist alles prächtig.

Jetzt bin ich leer.  Sitze hier und schaue auf einen elend langen Text.  Habe gut 4 oder 5 Std. hier geschrieben und hoffe, einer liest es bis zu Ende.  Frage mich, was das nun alles mit meinem Schrei im Traum zu tun hatte.  Und doch, man hat mich immer gewollt.  Gewollt für jenes, das man an mir gebrauchen konnte.  Nutzen konnte – Haben wollte..

Aber für alles andere hat man mich gehasst, verabscheut und abgelehnt.  Man wollte mich nie ganz.  Nur in Teilen.  Langsam fügen sich meine zerrissenen Teile wohl wieder zusammen.  Und ich fange an, mich SELBST zu mögen.  Ich brauche diese Menschen nicht mehr – nicht diese – nicht solche…  Vielleicht ist es gut, wenn Freier die keine Freier sind, es genauso machen und Abstand halten, nach Hause gehen zu ihren Frauen und versuchen, mit diesen GEMEINSAM ihre Ehen gut zu machen.

Ich wünsche es ihnen von Herzen.

© Luise Kakadu

Erstmals auf ihrem Blog https://missbrauchundsexarbeit.wordpress.com/ am 24 August 2017 veröffentlicht.

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