Ich bin unendlich wütend – Ein Brief an die Gesellschaft

„Wir Betroffene sollten einen Aufstand wagen.“ Unsere neue Gastautorin, Silvi Alexandra Wolff ist, wie so viele von uns, wütend. Sie hat aber nicht nur den Text, sondern auch die Bilder zu diesem Beitrag geliefert…

Ich bin unendlich wütend

22290118_360144467741524_884018328_nBild © Silvi Alexandra Wolff

Jeden Tag eine neue Meldung über Missbrauch oder Vergewaltigung. Und was tut die Gesellschaft?

Nichts! Mitleid und Sätze wie: Wenn das meinem Kind passieren würde dann aber… Sätze wie: Schwanz ab… Sätze wie: Oh Gott wie schrecklich… Es müssen härtere Strafen her…

Und dann?

Es wird wieder vergessen. Die Opfer werden nach einer gewissen Zeit kritisch beäugt. „Na ja, der Rock war ja ein bisschen kurz und sie soll doch mit der Vergangenheit abschließen, man kann es ja eh nicht mehr ändern. Warum hat sie oder er denn nicht angezeigt? So schlimm kann es dann auch nicht gewesen sein…“

Dann werden genau diese Geschichten dazu missbraucht zu politisieren. Ja das waren die Ausländer, Migranten, untere soziale Ebene. Schwere Kindheit… Ganz schlimm sind dann die Modeerscheinungen von Motivationstrainer: Ich konnte Menschen mit dieser Erfahrung heilen. Profilierungssucht auf Kosten von Opfern!

Tatsache aber ist: es kann jeden treffen, dein Kind, dein Enkel, das nette Nachbarkind, die Hausfrau, Jungs und Männer. Es geht alle an und zwar vorbehaltlos. Tatsache ist; wir haben lebenslänglich. Das Leben geht einen anderen Weg. Auch wenn man lernt gut damit umzugehen wird es immer und ewig ein Wegbegleiter der übleren Sorte sein. Tatsache ist, bei Kindern wird das Urvertrauen genommen, ewige Unsicherheit, Selbstzweifel, Trauer und oft auch Mutlosigkeit. Und allzu oft der Weg in die Prostitution, weil diese Kinder nur gelernt haben, dass sie Zuwendung bekommen durch sexuelle Handlung. Erwiesen ist, selbst wenn Betroffene meinen es verarbeitet zu haben sind wir anfälliger für sämtliche Krankheiten, Übergewicht, Untergewicht, Diabetes, chronische Schmerzen und Drogenmissbrauch…

Zu der Frage, warum viele nicht anzeigen?

Immer noch werden stigmatisiert. Immer noch werden wir zu Provokateuren gemacht. Immer noch werden wir komplett unwürdig behandelt. Unsere Aussagen werden bezweifelt. Es dürfte niemals eine Verjährungsfrist geben, da es viele Betroffene erst nach Jahrzehnten schaffen diesen Weg zu gehen. Es darf nicht sein, dass man Angst vor der Anzeige haben muss. Nein, der Täter sollte Angst davor haben. Aber ich habe erlebt, wie ein verurteilter Täter wieder zurück kam. Den alten Job bekam, Vorstand in Vereinen wurde und die Betroffene mit Schimpf und Schande aus dem Dorf vertrieben wurde. DAS darf nicht sein!

  • Wieso soll sich ein Täter nach Jahren nicht mehr dafür verantworten müssen?

    Wie schon geschrieben, wir Betroffenen haben lebenslänglich. Niemand der solche Taten begeht sollte sich jemals sicher fühlen dürfen.

  • Wieso bekommen Täter Therapien, während die Betroffenen jahrelang auf einen Therapieplatz warten müssen?

  • Warum haben Ämter, wie das Versorgungsamt, dass über die Opferentschädigungsrente entscheidet, das Recht zu Fragen: „Haben sie die Tat provoziert…?“

    Wie soll man da noch den Antrag durchstehen? Vor allem, wenn sämtliche Befunde und Berichte auch Traumakliniken vorliegen?

  • Wieso werden wir bei Polizei immer noch unwürdig behandelt?

  • Wieso schauen die Menschen weg?

Wir wagen es nicht zu erzählen was passiert ist, selbst in der Familie ist es oft nicht erwünscht. Es kommen Kommentare wie: „Das ist zu intim das geht niemand was an – Ich will nicht, dass die anderen wissen, das meiner Mutter, meiner Frau oder Tochter, so etwas passiert ist…“

Ist bei mir eingebrochen worden, dann kann ich es ohne Bedenken äußern. Hat mir jemand die Vorfahrt genommen kann ich es ohne Bedenken äußern. Aber eines der schlimmsten Verbrechen darf ich nicht äußern? Muss, soll mich als Betroffene verstecken?

WIE kann das sein?

  • Wir Betroffene sollten einen Aufstand wagen.

  • Wir sollten alle geschlossen die Opferentschädigungsrente beantragen.

  • Wir sollten die „Kommission zur Aufklärung von sexuellem Missbrauch“ stürmen.

  • Wir müssen zusammenhalten und von der Gesellschaft einfordern gesehen zu werden.

  • Appellieren für ein Respektvollen und Würdevollen Umgang.

  • Keiner darf einen Menschen berühren, schlagen, missbrauchen.

  • Keiner hat das Recht sexuelle Handlungen einzufordern nur weil eine Frau einen kurzen Rock an hat oder einen tiefen Ausschnitt. Und selbst wenn jemand nackt durch die Stadt läuft hat KEINER das Recht diesen zu berühren wenn NEIN gesagt wird.

  • Keiner darf unsere Kinder misshandeln.

  • Und niemand darf solche Taten missbrauchen um sich zu profilieren, Politik damit zu machen.

Seht hin und helft! Äußert das Missfallen und Mitleid nicht nur am Stammtisch oder in den öffentlichen Medien! Rechtfertigt es nicht in keinster Weise! Tut was und vergesst nicht bis zum nächsten Opfer! Geht würde und respektvoll miteinander um und seit wachsam! Wenn irgendjemand meint, dass könnte ihm oder seinem direkten Umfeld nicht passieren dann täuscht er sich gewaltig. Egal ob reich oder arm, egal ob Lehrer oder Pfarrer, Professor oder Bauarbeiter… Jeder kann Täter sein.

NEIN um Gottes Willen, ich will nicht alle unter Generalverdacht stellen, aber ich will auch niemand davon freisprechen. Weil ich nicht in die Menschen sehen kann.

22291638_360144444408193_1447613197_nBild © Silvi Alexandra Wolff

Wie man sehen kann, bin ich ziemlich sauer.

Auslöser ist das Versorgungsamt! Es werden Fragen an Betroffene gestellt die unverantwortlich sind! Und das ohne psychologischen Beistand… Fragen die jemand der alleine wohnt, in den Selbstmord treiben können.

Auslöser ist die Kommission zur Aufklärung sexuellen Missbrauch. Vor einem Jahr hab ich mich gemeldet. Es kam keine Rückmeldung. Was ist das eine Pseudokommission die eingesetzt wurde um zu suggerieren, wir tun was?

Auslöser ist die Politisierung der Parteien. Immer wieder wird der sexuelle Missbrauch missbraucht um Stimmung zu machen.

Auslöser ist die jahrelange Suche nach einem geeigneten Therapieplatz.

Und zu guter Letzt ist der Auslöser die Ignoranz der Gesellschaft die uns dazu bringt uns zu verstecken. Den Mut nimmt offensiv mit der Tat umzugehen. Das Stigma das uns unser ganzes Leben begleitet.

Ich habe die Schnauze voll davon. Ich will aufklären und stell mich gerne Diskussionen im Bereich meiner Möglichkeiten. Da ich leider krank bin und nicht immer die Energie habe. Ich will Mut machen, den Opfern sich zu melden, den Beobachtern anzuzeigen. Der Familie zum Betroffenen zu halten und zu unterstützen.

Ich hoffe manche wachen auf,

© Silvi Alexandra Wolff

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2 Kommentare zu Ich bin unendlich wütend – Ein Brief an die Gesellschaft

  1. anna sagt:

    Danke Silvi, Du sprichst mir aus der Seele.
    Würde mich gerne mit dir vernetzen, ich sehe mal nach ob ich dir eine PN schreiben kann, bin das erste Mal auf dieser Seite.

    LG Anna

  2. Brigitte sagt:

    Hallo Silvi,
    auch ich empfinde genau so, wie Du hier beschrieben hast!

    Wenn ich drüber nachdenke möchte ich nur ko…, und dann verdränge ich alle Gedanken und versuche mich abzulenken, damit ich nicht dran ersticke.

    Ich habe es so satt!
    Ich würde mich auch gerne vernetzen, mit Dir? Mit anderen Frauen, die ähnlich denken.

    Liebe Grüße
    Brigitte

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