Opfer und ihre Familien

Die letzten Monate beschäftigt mich sehr das Zusammenspiel zwischen dem Verhalten von Betroffenen gegenüber ihren Familien.

Ich kann nur von den Erfahrungen erzählen, die ich selbst machte und die ebenfalls Betroffene gemacht haben. Es ist ein sehr schweres Thema.

Brief an die Kinder,

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Als ich Dich im Arm hielt, war mein Glück perfekt. Ich habe es geschafft ein kleines perfektes Wesen auf die Welt zu bringen. Alles so wunderschön, alle Finger sind da, die Füsschen perfekt und die Lippen wie gemalt. Der feine Atemhauch streift meine Finger während ich sanft über die feinen kleine Babybäckchen streichle. Wenn ich dich anhauche dann kräuselt sich das kleine Näschen. Im Schlaf ziehst du immer wieder deine feinen Augenbrauen nach oben. Wenn du die Äugchen öffnest, dann sehe ich das grenzenlose Vertrauen in deinen Augen. Ein Urvertrauen, dass mir das Herz warm werden lässt und den Atem nimmt. Auch ein klein wenig wegen der Last der Verantwortung die auf mir liegt. Aber in meinem Arm habe ich ein Menschlein, dass mich ohne wenn und aber liebt, bedingungslos liebt. Das mich nimmt wie ich bin, alles was ich mache ist für dich perfekt.
Ich will alles richtig machen für dich. Will dich niemals im Leben im Stich lassen oder dir das Gefühl geben, dass ich dich nicht verstehe und vor allem hinter dir stehe. Ich werde dich mit allem was ich habe beschützen und behüten. Kein Mensch dieser Welt wird dir was böses tun können denn ich bin da.

Ja, es war mein Traum, schon bald sehr bald, dass ich einen Mensch habe, der mich so bedingungslos lieben kann, so nehmen wird wie ich bin. Früh wurde ich schwanger und ja ich habe mich auf dich gefreut. Es war mir egal was die anderen sagten, denn sie hatten keine Ahnung davon, was ich für eine Last tragen musste und wie sehr ich mich danach sehnte von all dem weg zu kommen. Du warst meine Rettung in doppelter Sicht. Meine Einsamkeit war vorüber und ich war weg aus dem Haus aus der Gewalt und dem Alptraum.

Ich war gerade 18 und keine Sekunde hatte ich Angst es nicht zu schaffen. Alles andere war unwichtig, vor allem wenn ich dich sah.
Leider habe ich übersehen, dass ich es ein Weglaufen war. Ein Weglaufen vor mir und meinen Sorgen.
Bald darauf kamen deine Geschwister auf die Welt. Ich war im Glück und ging komplett auf in meiner Mutterrolle. Ich versuchte wirklich alles richtig zu machen. Dabei verlor ich mich immer mehr aus dem Blick. Ich verdrängte das was war. Es gab für mich keine Vergangenheit mehr nur noch die Gegenwart. Aber leider gärte es in mir und es gab in meiner Seele kein Entrinnen. Krankheiten kamen, ich war oft auf Hilfe angewiesen und über die Zeit ging dann auch die Ehe kaputt. Wir verloren den Respekt voreinander und wir waren so jung, dass die Entwicklungen einfach nicht konform liefen.
Es war nicht schön für euch. Aber ich war da. Wie ein Fels in der Brandung versuchte ich für euch stark zu sein. Alles für euch zu sein. Es war für mich selbstverständlich, dass das ich für euch sorge und euch schütze.

Es kam ein neuer Mann in unser Leben und ich lies euch keine Sekunde mit ihm alleine. Ich war misstrauisch und er stand unter Generalverdacht. Diese Zeit war nicht einfach und ich merkte, dass ich dringend Hilfe benötige um dieses Misstrauen nicht alles zerstören zu lassen.
Ja ich merkte, dass es in meinem Inneren Nöte gab denen ich alleine nicht gewachsen war. Aber ihr ward noch so jung, ich konnte mich nicht gehen lassen, und ich weiß jetzt, dass ihr trotzdem gelitten habt. Ich war ständig krank. Der Gedanke euch Sicherheit zu geben, ließ mich laufend über meine Grenzen gehen. Der Gedanke euch Sicherheit zu geben, ließen es mir auch nicht zu, meinen Bedürfnissen nach zugehen. Ich habe mich verkauft, an einen Mann, der gut für euch war. Er war ein Vater für euch und hatte euch ein Heim geboten. Aber ich habe nicht begriffen, dass es wichtiger gewesen wäre, dass ich euch ein Heim gebe. Ich hätte die Stärke haben müssen diese Zuhause für euch zu sein. Aber ich habe es niemals gelernt für mich einzustehen. Ich habe es niemals gelernt, meine wahren Bedürfnisse zu äußern. Ich habe mich verkauft. Das mag schlimm klingen, aber es war so,
Durch dieses Unvermögen, habe ich auch viel Schaden angerichtet. Es war mir aber noch nicht möglich dafür einzustehen. Woher hätte ich die Kraft nehmen sollen. Ich habe viel gearbeitet um euch wirtschaftlich alles zu geben und ich habe mich hinten an gestellt um euch emotional alles zu geben. Aber es war für mich selbstverständlich.
Es ging so lange gut, bis die Erste auszog und ich auf einmal damit konfrontiert wurde, dass ich bald alleine sein werde. Alleine in einer Ehe, die nicht mich, sondern euch glücklich gemacht hat, Alleine mit meiner Vergangenheit die kaum bearbeitet wurde und allein mit meinen Bedürfnissen und Wünsche. Die Zeit, in welcher ihr mich ohne wenn und aber geliebt habt, die war schon lange vorbei. Die Zeit in der ihr mich genommen habt wie ich war gab es nie, denn ich wußte doch selbst nicht wer ich war. 40 Jahre habe ich nicht gelernt, für mich zu erkennen was wirklich in mir schlummerte.
Das zweite Kind ging und ich brach zusammen. Es begann eine Odysee mit Kliniken und Therapien, Nervenzusammenbrüche und Zweifel. Kraftlosigkeit und tiefer Trauer. Mit aller Kraft wollte ich euch geben, was ich niemals hatte. Mit aller Kraft wollte ich euch den Schutz zukommen lassen, den ich niemals hatte. Mit aller Kraft wollte ich, dass ihr eine Förderung erhaltet die ich nie bekam. Mit aller Kraft wollte ich, dass ihr eigenständige und selbstbewusste Menschen werdet der ich niemals war und vielleicht auch niemals sein werde.

Erst nach dem Zusammenbruch habe ich euch mit Teilen meiner Vergangenheit konfrontiert. Und ich habe euch überfordert. Nein, ihr solltet niemals meine Therapeuten sein und ja, ich weiß, dass ich mit dem Vielen was ich Gutes für euch wollte, viel Schaden angerichtet habe. Aber ich kann es jetzt nicht mehr ändern und ich muss lernen, aufzuhören mich laufend zu entschuldigen und ich muss lernen für mich einzustehen. Vor allem aber muss ich lernen mich selbst zu lieben und Verantwortung für mich zu übernehmen. Nur damit kann die Verdrängung aufhören und die Sehnsucht nach Veränderung. Die Angst davor nicht geliebt zu werden. Die Angst davor nicht gut genug für die Welt zu sein. Und vor allem muss ich damit aufhören, dass ich mich schäme, schäme für das was mir angetan wurde und schäme für die Fehler die ich machte.

Die Fehler die ich an euch machte, die habe ich aus Liebe gemacht.

Ich lebe jetzt mein Leben allein, ihr versteht mich nicht mehr und ich muss schauen, damit klar zu kommen. Leider habt ihr euch von mir abgewendet aber die Zeit wird die Wunden heilen. Die Wunden, die wir uns gegenseitig zugefügt haben.
Und nein, ich gebe nicht meiner Vergangenheit die Schuld, zumindest nicht die Alleinschuld. Ich bin kein Opfer mehr, die Zeit ist vorbei. Aber ich muss erst lernen es zu begreifen. Ich muss jetzt lerne, wer ich selbst bin und welche Bedürfnisse uns Sehnsüchte ich habe. Und dann wenn ich in mir tuhe und gefestigt bin, dann kann ich euch eine beständige Heimat bieten.

Dieser Brief ist stellvertretend für alle Mütter und Väter und nur teilweise autobiographisch

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