Presseerklärung

Mitte der 60er bis Mitte der 90er Jahre vergewaltigte der Lehrer Erich Buß an der Darmstädter Elly-Heuss-Knapp-Schule weit mehr als 100 Kinder und führte seine Verbrechen vermutlich auch noch nach seiner Pensionierung aus. Möglich war dies u.a. durch Wegsehen und Untätigkeit u.a. der informierten Schulleitung. Am 22.09.2016 legte die externe Kommission zur Aufklärung dieser Fälle in Wiesbaden ihren Abschlussbericht vor und gibt Empfehlungen ans Kultusministerium. Die bisherigen Erfahrungen mit Verwaltung und Politik zwingen uns Betroffene dazu, selbst klare Forderungen zu formulieren:

 

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1. Forderungen an die Stadt Darmstadt

1.1. Jeder Betroffene soll nach Schulschluss das Recht haben, das Gelände der Elly-Heuss-Knapp-Schule zu betreten. Zu diesem Zweck soll uns immer ein offenes Hoftor willkommen heißen.
1.2. Jeder Betroffene soll das Recht haben, auch die Gebäude nach Schulschluss in Begleitung und nach Voranmeldung zu betreten.

Begründung zu 1.1. und 1.2.
Manchmal müssen wir einfach mal vorbeikommen um zu sehen und zu begreifen das es Jahrzehnte her ist. Dann möchten wir nicht über das Tor klettern müssen.

1.3. Im Lehrerzimmer soll eine Gedenktafel zum Andenken an die Betroffenen und das Versagen von Schulleitung und Lehrkörper aufgehängt werden.

Begründung zu 1.3.
Die Kinder, die heute an dieser Schule sind, sollen ein sicheres Umfeld haben. Ein sicheres Umfeld ist an der Elly-Heuss-Knapp-Schule aber, wie wir wissen, alles andere als selbstverständlich. Und darum sollt ihr uns nie wieder vergessen, und das Versagen der Lehrer und der Schulleitung täglich vor Augen haben, damit es nie wieder geschieht, das ein Schüler weggeschickt wird, wenn er seine Angst überwunden hat und euch berichtet dass ein Lehrer ihn Vergewaltigt hat.

1.4. Im Darmstädter Herrengarten soll ein Denkmal von mindestens 1m, maximal 2m Höhe errichtet werden. Das Denkmal soll Andenken sein an alle Kinder, die Opfer von sexueller Gewalt wurden. Für die Kosten des Denkmals soll alleine die Stadt Darmstadt aufkommen
Begründung zu 1.4.
Wir wissen sicher von einem, der sich das Leben genommen hat. Von einem Weiteren wissen wir, das er unter fragwürdigen Umständen ums Leben kam. Auch wenn ihr es nicht wahr haben wollt, es gibt Tote. Und wir fordern einen Gedenkstein für unsere Gefallenen – einen Stein für die vergewaltigten Kinder. Und er soll ein maximal zwei Meter hoch sein, denn wir waren auch nicht größer als wir vergewaltigt wurden!

1.5. Die Stadt Darmstadt und das Land Hessen sollen eine Bestandsgarantie für die Elly-Heuss-Knapp-Schule bis ins Jahr 2085 in den den gegenwärtigen Gebäuden gerichtsverwertbar abgeben. Die durch das Alter des Gebäudes entstehenden Mehrkosten soll das Land Hessen übernehmen.

Begründung zu 1.5.
1992 wurde der Vergewaltiger Erich Buß pensioniert. Im Jahr 2085 hat sein letztes Opfer, das er sich an der Elly-Heuss-Knapp-Schule besucht hat, die Hundert überschritten. Er ist dann wohl nicht mehr am Leben. Erst dann ist es es Geschichte und dann erst kann die Elly-Heuss-Knapp-Schule ihre Pforten schließen.

2. Erste-Hilfe-Fonds

2.1. Die wichtigste Forderung ist die sofortige Einrichtung eines Erste-Hilfe-Fonds, der mit 100.000 Euro bestückt werden und jeweils zu Jahresbeginn wieder aufgefüllt werden muss. Verwaltet werden soll der Fond von einer unabhängigen Stelle

Begründung zu 2.1.
Unter uns vergewaltigten Kindern gibt es Ärzte und Direktoren, Fabrikarbeiter und LKW Fahrer – aber eben auch Säufer und Kiffer, depressive und Traumatisierte, Obdachlose und viele die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen. Diese brauchen immer mal wieder schnelle und unbürokratische Hilfe. Verwaltung und Politik sind dazu aber nicht in der Lage!

 

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3. Die Tagebücher

3.1. Alle Betroffenen sollen Zugang zu den Tagebüchern haben!

Begründung zu 3.1.
Viele von uns sind sehr verunsichert, weil sie sich oft an längere Zeiträume oder einzelne Begebenheiten nicht erinnern können. Manche haben auch da wo in ihrem Gehirn die Zeit auf der Elly-Heuss-Knapp-Schule sein müsste, nur ein schwarzes Loch. Das alles ist vollkommen normal und hat etwas damit zu tun wie traumatische Begebenheiten im Gehirn abgespeichert werden. Und wenn wir sagen, wir wollen es einfach nur wissen, dann ist das unser gutes Recht. Manche interessiert es vielleicht auch gar nicht, ob Erich Buß sie Vergewaltigt hat, sie wollen einfach nur wissen, ob überhaupt etwas über sie in den Tagebüchern steht und wer diese Passagen vielleicht gelesen hat. Auch das ist ihr gutes Recht.

3.2. Darüber hinaus soll jeder, der ein berechtigtes Interesse hat, Zugang bekommen. Ein berechtigtes Interesse kann zum Beispiel Forschung oder Präventionsarbeit sein.

Begründung zu 3.2.
Wir lehnen einen allgemeinen, unkontrollierten Zugang zu den Tagebüchern ab, auch wenn die Namen pseudonymisiert sind. Wer sich an den Horrorgeschichten eines perversen Monsters aufgeilen will, der soll sich ein Buch von Stephen King kaufen. Wer sich aber beispielsweise mit den Strukturen nach denen Täter ihre Opfer auswählen, welche Mechanismen sie nutzen um ihre Taten zu vertuschen, beschäftigt, der sollte die Tagebücher nutzen dürfen.

3.3. Alle Namen sollen durch Pseudonyme ersetzt werden. Hierbei ist darauf zu achten, dass Abkürzungen mit den Pseudonymen übereinstimmen.
3.4. Betroffene sollen bei einer Person, die beruflich der Schweigepflicht unterliegt, erfahren können, hinter welchem Pseudonym sie sich verbergen.
3.5. Berufs- und Ortsbezeichnungen sollen entsprechend verändert werden. Der soziale/familiäre Hintergrund sollte dabei aber unverfälscht bleiben. Diese Regel soll nicht für Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst, und insbesondere nicht für Lehrer, Schulbehörde, Verwaltung und Politik gelten.

Begründung zu 3.3 bis 3.5.
Eine einfache Schwärzung der Namen ist nicht akzeptabel. Wir, die vergewaltigten Kindern, wollen nicht hinter schwarzen Balken verschwinden. Wir haben Namen und Gesichter und ihr sollt uns nicht wieder ignorieren. Aber aus datenschutzrechtlichen Gründen dürfen keine Klarnamen allgemein zugänglich sein. Das totale Versagen und aktive vertuschen von Schule, Behörden und Politik darf aber nicht wieder vertuscht werden. Deswegen ist es in Ordnung die Namen zu ändern, nicht aber ihre Funktion in dem System das uns nicht nur nicht schützen wollte, sondern die Taten des Schwerverbrechers immer wieder vertuscht hat.

 

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4. Entschädigung:

4.1. Das Land Hessen hat an jeden Betroffenen der Verbrechen rund um die Elly-Heuss-Knapp-Schule eine Entschädigungszahlung in fünfstelliger Höhe zu zahlen. Die Entschädigung soll den Betroffenen wahlweise auch als Rentenzahlung in Höhe von mindestens 400 € zustehen. Die Entschädigungszahlung soll rechtlich so abgesichert werden, dass sie auch bei Hartz IV nicht anrechenbar ist.

Begründung zu 4.1.
Als ich der Schulleitung damals von den Verbrechen die Erich Buß und uns verübt hat erzählte, da antwortete sie mir: „Diese Räuberpistole haben mir schon deine Brüder erzählt und jetzt raus hier!“ Es war eure Aufgabe uns zu beschützen und das habt ihr nicht getan. Die Verbrechen die er an uns verübte haben unser Leben zerstört. Jetzt zahlt gefälligst und speist uns nicht mit einem Almosen und einem feuchten Händedruck ab!

4.2. Das Land Hessen hat darüber hinaus für sämtliche Therapiekosten (Drogentherapien, PTBS-Therapie…) gerade zu stehen.

Begründung zu 4.2.
Hätte der Staat seine Aufgabe erfüllt, wären wir nicht vergewaltigt worden und wären nicht mit derart lebensbedrohlichen Krankheiten geschlagen. Warum soll die Solidargemeinschaft von Kranken- und Rentenversicherung dafür aufkommen? Nach dem Verursacherprinzip muss das Land Hessen dafür grade stehen.

4.3. Das Land Hessen hat auch rückwirkend ein angemessenes Krankentagegeld an alle Betroffenen zu zahlen, wenn die Krankheit auf die Verbrechen rund um die Elly-Heuss-Knapp-Schule zurückzuführen sind. Dies soll ausdrücklich auch für Krankheitszeiten gelten, die scheinbar nur mittelbar mit den Verbrechen rund um die Elly-Heuss-Knapp-Schule zu tun haben, wie z.B. Depressionen…

Begründung zu 4.3.
Ich darf das mal an meinem Beispiel verdeutlichen: Seit über einem Jahr bin ich wegen Posttraumatischer Belastungsstörung Krankgeschrieben. Zwischen Krankengeld und Nettolohn klafft da eine Lücke. Und diese Lücke gäbe es nicht, wenn ihr euren Job gemacht hättet. Und euer Job war es uns zu schützen und das habt ihr nicht getan!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

 

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