Mein Name ist Chr. Kolja(r) Wlazik

 

Meine Aussage aus dem vollständigen Bericht der Kommission

zu finden auf Seite 60 bis 62

Bei meiner Aussage vor der Kommission habe ich ausdrücklich darauf bestanden, dass ich keine Anonymisierung wünsche, sondern mit meinem vollen Namen genannt werden möchte Ich möchte darum klarstellen, das mein Name weder „Betroffener 5“ noch „L.M.“ ist: Meine Name ist Chr. Kolja(r) Wlazik  und ich will weder ein schwarzer Balken, noch eine Nummer sein: Ich habe einen Namen und ein Gesicht!

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass es einigen Damen und Herren lieber wäre, wenn wir uns alle soweit anonymisieren lassen würden, dass man hinter den Zahlen und Buchstaben den Menschen nicht mehr findet. Auf diese Weise wäre es wahrscheinlich sehr viel einfacher, das eigene totale Versagen zu vertuschen. Leider ist es mir nicht möglich euch diesen gefallen zu tun und darum habe ich in dem nachfolgendem Text die Buchstaben L.M. durch meinen Namen ersetzt.

Ich habe die beiden Damen von der Kommission darum gebeten, meine Erzeugerin zu vernehmen und ich weiß, dass mein Bruder Andreas Ratz die selbe Bitte geäußert hat.

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© Chr.Kolja(r) Wlazik

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Betroffener 5

Chr. Kolja(r) Wlazik

geb. 1967

EHKS: 1973 bis 1982

Tatzeit: 1975

Tathandlungen:

orale Vergewaltigung mit Samenerguss in den Mund im Alter von acht Jahren.

Anbahnung:

„…1975, als ich acht Jahre alt war, wurde ich vom Lehrer Erich Buß oral vergewaltigt. Während der gesamten neun Jahre, die ich an der Elly-Heuss-Knapp-Schule war, hatte ich selbst E. Buß nur wenige Stunden als Vertretungslehrer. Kontakt bekam ich über meine älteren Brüder.

Ich tobte auf dem Sitzsack in seinem Wohnzimmer herum. Er meinte, er wolle jetzt auch mal auf dem Sitzsack sitzen und nahm mich auf den Schoß. Er bearbeitete meine Hoden und bekam dabei einen Steifen, den er an mir rieb. In seinem Schlafzimmer vergewaltigte er mich dann oral. Mit Daumen und Zeigefinger drückte er mir den Kiefer auseinander, steckte mir seinen Penis in den Mund und zwang mich, sein Sperma zu schlucken.

Soweit ich weiß, war dies das einzige Mal, dass er mich vergewaltigte. Ich kann aber nicht völlig ausschließen, dass sich in meinem Kopf noch mehr verbirgt. Wenn dort noch irgendetwas anderes sein sollte, dann wünsche ich mir, dass es da bleibt, wo es ist.“

(E-Mail des Betroffenen an die Kommission)

Chr. Kolja(r) Wlazik Wiederholt im Gespräch am 19. November 2015: Es habe eine Vergewaltigung an ihm durch Buß stattgefunden, vielleicht auch zwei. Das Schlafzimmer sei präsent. Eine Heizung, die in den Raum ragt. Er erinnere sich an einen Raum, der sei lang, dunkel und eng gewesen. Das sei in der Wohnung von Buß gewesen, nicht im Haus. Nach der Vergewaltigung sei er ins Bad gelaufen. Habe abgeschlossen. Er habe sich den Mund ausgespült und gewaschen. Nichts sei weggegangen. Danach habe Buß dagestanden mit einem ekelhaften Lächeln. Das sehe er noch vor sich.

In einer E-Mail relativiert er später seine Aussage: „Zu meiner Aussage muss ich noch etwas relativieren: Was das Jahr 1975 betrifft, so bin ich mir in diesen Tagen nicht mehr ganz sicher, es könnte auch 1976 gewesen sein. Im Rahmen meiner EMDR-Therapie klärt sich gerade so einiges, aber gerade, was den Zeitpunkt der Vergewaltigung betrifft, ist bei mir gerade noch einiges im Fluss! Ich bin aber zuversichtlich, dass ich da in den nächsten Tagen Gewissheit haben werde. Laut meiner Therapeutin ist das normal, da bei der EMDR auch im Nachgang noch einiges verarbeitet wird.

Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann, dass im Zusammenhang mit meiner PTBS 1975 ein entscheidendes Jahr war. Ich halte es gegenwärtig sogar für möglich, dass ich zweimal bei Erich Buß war.

Mitteilungen/Mitteilungsversuche an Erwachsene:

Chr. Kolja(r) Wlazik spricht über E.W. Er sagt, er sei einer Zusammenkunft mit ihr nicht abgeneigt. Er wolle sie konfrontieren mit seiner Geschichte. Es habe nichts mit Hass zu tun. Es würde ihm viel bedeuten und anderen auch, wenn sie es einsehe, dass sie versagt habe.

Das Heute sei entscheidend. Die Auseinandersetzung müsse laufen. Es müsse eine Grenze da sein. Sie würde uns allen helfen, wenn sie ihre Schuld anerkennt.

Auf die Frage, was er als Kind gebraucht hätte aus seiner heutigen Sicht, antwortet er: Das private Umfeld habe völlig versagt, die Mutter, E.W., auch das Kollegium. Er habe sich damals an Frau A. gewandt. Die habe gesagt, Buß sei der Vertrauenslehrer. Er habe gesagt „Ich vertraue ihm nicht, ich habe ihn auch nicht gewählt.“ Niemand habe nachgefragt. Niemand habe sich gekümmert.

„Mit sechs war ich bei meiner Oma. Ein netter Nachbar hat mir Schokolade gegeben. Ich habe geweint. Meine Oma hat mich dann in den Arm genommen und gefragt: „Was ist mit Dir los? Dann hat sie auch geweint.“ Chr. Kolja(r) Wlazik sagt: „Das brauchen wir. Leute, die sehen und auch handeln. Die sehen und ernst nehmen und etwas tun. Kinderrechte gehören auf den Stundenplan. Es muss eine Schulkultur geben, die Vertrauen schafft. Grenzen müssen gewahrt werden. Und das muss trainiert werden. Das muss konsequent beobachtet und eingehalten werden. Lehrer müssen sich fortbilden.“

Folgen des sexuellen Missbrauchs:

Zu den Folgen für seinen Lebensweg sagt Chr. Kolja(r) Wlazik er habe nach der EHKS an der Peter-Behrens-Schule ein Grundbildungsjahr in Agrarwirtschaft im zweiten Halbjahr abgebrochen. Dann sei er ein Jahr Hilfsarbeiter gewesen, zur Berufsschule sei er nicht gegangen. Dann habe er eine weitere Lehre begonnen, die er aber nach 1¼ Jahren aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen habe. Dann habe er mit Saufen angefangen und in der Kompostanlage gearbeitet. Er habe dann mit dem Kiffen angefangen und sei arbeitslos gewesen. Er habe tagelang geschlafen.

Seine Mutter sei aus der Wohnung ausgezogen. Sie habe verboten, das Kellerfenster aufzulassen. Sein Bruder sei damals obdachlos gewesen und sei nachts immer gekommen. Die Mutter habe die Miete bezahlt. Er habe sich damals von Gemüsebrühe und Orangen ernährt. Dann habe er Zivildienst geleistet, 20 Monate lang. Das sei eine gute Zeit gewesen. Er habe in einer Werkstatt für Behinderte im Wohnbereich in der Betreuung gearbeitet. Das sei eine passende Stelle für ihn gewesen und habe ihm sehr gut getan. Er habe da den Weg zum Hinduismus gefunden. Das habe ihm Halt gegeben.

Danach habe er ein halbes Jahr in Darmstadt als Leiharbeiter gearbeitet. Er habe in dieser Zeit wieder angefangen zu saufen. Er sei dann zu seiner Mutter gezogen. Da habe er auch wieder gesoffen. Er habe nie die Bremsen gezogen, es habe schwerste Alkohol-Eskapaden gegeben. Dann habe er gedacht, dass er entweder unter der Brücke landen werde oder aufhöre zu saufen. Er habe eine Lehre am Bau begonnen und sei wieder rückfällig geworden.

Er habe sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Am 7. Februar habe ein guter Freund von ihm Geburtstag gehabt. Dem habe er als Geburtstagsgeschenk versprochen, dass er nie wieder saufen würde. Seitdem habe er nie wieder einen Tropfen getrunken. Es gebe drei Menschen, die ihm das Leben gerettet haben

… Beziehungen zu Frauen seien ein Riesenproblem für ihn. Es gebe eine Frau, der er sein Leben verdanke. Eigentlich seien Beziehungen zu Frauen überhaupt nicht möglich gewesen. Die erste, mit der es gehe, sei seine Frau, mit der er seit 13 Jahren verheiratet sei und eine Tochter habe. Mit seiner Frau sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Er habe dann, um ein regelmäßiges Einkommen zu haben, den LKW-Führerschein gemacht und fahre seit zehn Jahren LKW. Er sei fest angestellt, das sei viel wert. Er wisse immer, dass Geld reinkommt.

Er schreibe ein Klinik-Tagebuch: „Mein Weg zur Heilung“. Da habe er schon 87 Beiträge geschrieben. Chr. Kolja(r) Wlazik berichtet, er sei zurzeit in der Reha. Erst sei er in der Akut-Psychiatrie einer Trauma-Ambulanz gewesen. Eine Psychotherapeutin habe ihn dorthin verwiesen, nachdem eine Depression begonnen hatte.

Er sei seit 23 Jahren trocken, seit 1993. Vorher hatte er die 4-Promille-Grenze geknackt, mit Apfelkorn. Er habe ausufernd Cannabis und Alkohol zu sich genommen. Mit 17 Jahren habe er zum ersten Mal gesagt, er müsse jetzt eine Pause machen. Mit 18/20 Jahren sei er bereits Alkoholiker gewesen.

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