Mein Name ist Andreas Ratz

Meine Aussage aus dem vollständigen Bericht der Kommission

Seite 55 bis 58

Bei meiner Aussage vor der Kommission habe ich ausdrücklich darauf bestanden, dass ich keine Anonymisierung wünsche, sondern mit meinem vollen Namen genannt werden möchte Ich möchte darum klarstellen, das mein Name weder „Betroffener 3“ noch „H.I.“ ist: Meine Name ist Andreas Ratz (geb. Wlazik).

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass es einigen Damen und Herren lieber wäre, wenn wir uns alle soweit anonymisieren lassen würden, dass man hinter den Zahlen und Buchstaben den Menschen nicht mehr findet. Auf diese Weise wäre es wahrscheinlich sehr viel einfacher, das eigene totale versagen zu vertuschen. Leider ist es mir nicht möglich euch diesen gefallen zu tun und darum habe ich in dem nachfolgendem Text die Buchstaben H.I. durch meinen Namen ersetzt.

Ich habe die beiden Damen von der Kommission darum gebeten, meine Erzeugerin zu vernehmen und ich weiß, dass mein Bruder Chr. Kolja(r) Wlazik die selbe Bitte geäußert hat.

© Andreas Ratz

andreas-damals

Betroffener 3

Andreas Ratz

geb. 1962

EHKS: 1973 (mit 10 Jahren) bis 1977

Tatzeit: 1973 bis 1977

Tathandlungen:

Onanieren bis Orgasmus, Oralverkehr bis Samenerguss in den Mund, Anal vergewaltigt vom zehnten bis zum 13. Lebensjahr, 100 bis 200 Mal vergewaltigt, mehrmals wöchentlich, 1½ Jahre intensiv.

Wenn ich bei ihm war, hat er mich mehrmals am Tag missbraucht. Wenn ich bei ihm geschlafen habe, gab es Intensivkontakt: drei Mal in der Nacht, nämlich abends und morgens und einmal zwischendurch in der Nacht.“

Vorgehen/Strategien:

Ich bin 1973 mit zehn Jahren in die Elly-Heuss-Knapp-Schule in die Klasse von Buß gekommen. Der Täter ist auf mich hingewiesen worden. Der Kerl von meiner Mutter hat gewusst, was mit Buß los war. Dessen Tochter wusste, dass wir kommen. Sie war befreundet mit Buß. Hat ihn auf bedürftige Neulinge hingewiesen: „Kannst Dich um ihn kümmern.“

Für mich ging die Sonne auf. Buß spielte Gitarre. Wir haben alle zusammen gesungen zu Beginn des Unterrichts. Er hat mich in einer Weise integriert in die Klasse, die mir richtig gut getan hat. Er war immer nett zu mir. Dann kam das erste Mal ein Angebot von ihm, dass ich mit ihm in den Wald fahre. Es war eine Traumfahrt. Ich war glücklich. Ich habe gebettelt, dass Buß Ausflüge mit mir macht. Wir haben Ausflüge in den Odenwald gemacht. Sind zum Essen gefahren. Kartoffeln, rote Beete. Danach haben wir Mittagspause bei Buß gemacht. Wir saßen auf dem Knautschsack. Buß hat mir in die Hose gegriffen.

Alles ist stehen geblieben bei mir. Das dauerte nicht lange. Wir sind dann Wildschweine angucken gefahren. … Bei mir ging ein Kopfkarussell los. Erst wollte ich überhaupt nicht wieder hin. Er hat mich auf dem Moped mitgenommen. Sechs bis acht Wochen, nachdem er den Dienst angetreten hat, ist es losgegangen.

Zweites Mal Sitzsack: Er hat mich masturbiert bis zum Orgasmus – mit Schmerzen. Ekelhaft, die schleimige Zunge. Eklige Zungenküsse von einer ekelhaft widerlichen Zunge.

Drittes Mal: Wir waren im Schlafzimmer. Er hat mich gänzlich ausgezogen. Oral befriedigt. War ekelhaft. Er hat mich immer wieder aufgefordert, ihn anzufassen. Er hat es auch an sich selber gemacht. Danach: Es war eine Form von Konditionierung. Es ist immer weitergegangen. Er hat mich oral vergewaltigt. Mit vollem Abspritzen. Extrem ekelhaft. Ich musste kotzen.

In dem Moment habe ich alles abgespalten. Es war ein leerer Raum um mich. Ich bin aufgesprungen und aufs Klo gerannt. Das hat ihm missfallen. Je weniger ihm das gefallen hat, desto gewalttätiger sind seine Handlungen geworden. Bis zu Analvergewaltigungen. Er war dann viel brutaler. Sein Schwanz war Cola-Dosen-dick. Ich habe den Mund zugehalten bekommen. Ich habe gedacht, ich ersticke. Wenn ich geschrien habe, hat er mich von hinten vergewaltigt und hat mir den Mund zugehalten. Ich hatte Erstickungsängste.

Irgendwann schreit man dann nicht mehr. Es gab keine Erklärungen von ihm. Nur ekelhaftes Stöhnen. Zunehmender Schmerz bei mir hat seine Erregung gesteigert. Ich habe mich in einer Art Lähmungszustand befunden. Mein Kopf, mein Körper, alles war gelähmt. Wenn es vorbei war, habe ich ein furchtbares Peinlichkeitsgefühl gehabt. Für ihn war es mir peinlich. Für ihn habe ich mich geschämt. Wenn eine Distanzierung stattfand, kamen Geschenke. Ich war durchgeknallt. Ich hatte keinen Halt. Es gab niemanden für mich. … Bei Buß gab es Nachtlager. Einmal haben wir im Vivarium das Licht ausgeschaltet und sind dann weggerannt zum Buß.

Was ich jetzt erfahren habe: Buß konnte bestialisch sein, mit Hals würgen, Foltermethoden hat er angewandt, abgesehen von dem sexuellen Missbrauch. Es gab einen eindeutig sadistischen Hintergrund. Er hat mit einem Messer gefuchtelt. Angst geschürt. Er kam nicht. … Je schöner, je lieber sein Opfer war, umso mehr hat er sexuellen Missbrauch betrieben. Seine andere Richtung war schwer sadistisch. Als ich mit Rauchen angefangen habe, gefiel ihm das nicht. Die Gewalt ist gestiegen, je mehr ich nicht mehr seinem Bild entsprach. Ich schätze, dass die Vergewaltigungen von meinem zehnten bis zum 13. Lebensjahr regelmäßig stattgefunden haben.

Wie locker ich das jetzt sagen kann. Letztes Mal, wo er mich angefasst hat, war ich total runter. Ich bin zu ihm hingegangen, damit er mich anfasst. Ich war so bedürftig. Ich habe mich nach einer freundlichen Stimmung gesehnt. Ich habe mich jahrelang gefragt, wie bedürftig ich gewesen sein muss, dass ich hingegangen bin zu ihm. Als ich rausgegangen bin, habe ich gedacht: So müssen sich Männer vorkommen, die zu Prostituierten gehen.

Liebe habe ich natürlich von Buß nicht bekommen.“Folgen des sexuellen Missbrauchs: „Nach meinem Alkoholabsturz bin ich alleine nach Korsika in die Berge gefahren. Auf dem Berg habe ich gebetet darum zu erfahren, was falsch ist an mir. Das war im September 2012.

Ich wollte wissen, was mit mir los ist. Zwei Monate war ich bei einem Freund. Auf dem Weg habe ich mir ein Auto gekauft. Nach fünf Minuten Gebirgsfahrt habe ich den Analverkehr mit Buß nacherlebt. Ich wurde in den Straßengraben geworfen und hatte Schmerzen.

Dann war ich beim Psychiater. Ich habe absolut alles ausgeschaltet. Alles hat aufgehört. Dann habe ich Drogen genommen. Man wollte sicherstellen, dass ich nicht suizidgefährdet bin. Ich habe bei Tauwetter angerufen und dort einen Termin gemacht. Das hat mir ungemein geholfen. Ich bin in eine Selbsthilfegruppe gegangen. Hatte Kastrationswünsche. Bin dann in eine Klinik gekommen und habe eine Psychotherapie gemacht. Dann bin ich wieder zu Tauwetter gegangen, hatte mich für die entschieden. Dort wurde ich von dem Berater beschützt.“ Andreas Ratz erzählt, er habe das eigene Trauma verarbeitet. „Man kann mich nicht mehr unterkriegen.“ Zwei Jahre Therapie habe er gemacht. Er habe Bewältigungspraktiken: „Ich bin Herr meines Lebens jetzt. Ich schaff mir meine eigene Realität.“

Mit 20 sei er zu Drogen (Haschisch) gekommen. Er sei kurz davor gewesen, mit Alkohol anzufangen. Er habe nur Haschisch/Marihuana konsumiert. Er habe wirklich viele Drogen geraucht. Silvester 2014 habe er mit Rauchen aufgehört. Beim Wandern nehme er keine Drogen und trinke auch keinen Alkohol. … Er habe nicht mehr arbeiten können. Er sei ganz schön im Eimer mit seiner Gesundheit. Seit 2014 habe er nicht mehr gekifft.

Mitteilungen / Mitteilungsversuche an Erwachsene:

Als ich 20 war, habe ich einer Freundin erzählt, was mir bei Buß widerfahren ist. Sie hat mich in den Arm genommen. Ein Freund – der war nicht auf der Elly –hat es zu Hause erzählt, was Buß da treibt. Der Vater und der Bruder kamen dann und haben den Buß verprügelt. Sie wurden dann bedroht, ein Bekannter von Buß steckte dahinter.

Zum ersten Mal habe ich1 bis 1½ Jahre nach meiner Einschulung in die Elly, da gab es schon intensiven Kontakt zu Buß, gemerkt, dass es meine Mutter wusste. Meine Mutter hat mich auf dem Wäschetrockenplatz in unserem Gärtchen angesprochen. Sie sagte, sie müsse mit mir reden. Unsere Vermieterin war eine Frau T. Meine Mutter sagte zu mir:‚Frau T. hat gesagt, es gebe ein Gerücht, Buß treibe es mit kleinen Jungs‘. Herr T. Habe das erfahren. Ich wurde knallrot. Es war furchtbar. Sie hat es wahrgenommen, da bin ich mir sicher. Sie sagte: ‚Es ist ja nicht so schlimm, die Griechen und Araber hätten das auch so gemacht. Wenn es Euch denn Spaß macht.‘ Es hat meine Welt verändert. Von da an habe ich gemerkt, wenn es jemand wusste.

Das zweite Mal habe ich mit I.darüber gesprochen. Ich habe ihr dann alles erzählt von Buß. Da war ich 20. Sie hat mich in den Arm genommen. Die Tochter vom Freund meiner Mutter wusste es, sie kam in Schockstarre. Der Freund meiner Mutter wusste es von vornherein. Er kannte diese Gesellschaft er hat Buß auch angerufen und ihm gedroht. Bei E.W. gab es eine Erörterung mit meiner Mutter über dieses Vorgehen ihres Freundes. Buß hatte an E.W. einen Brief geschrieben, dass der Freund das Problem der Familie sei. Meine Mutter wurde hinbestellt und hat den Brief in einem unbeobachteten Moment gelesen. Ihr Freund hat den Buß terrorisiert wegen seines Verhaltens. Mir war also klar, dass der Freund meiner Mutter, seine Tochter und meine Freundin, meine Mutter und die Nachbarin ,Frau T.,es wussten. …

An der Elly gab es einen Lehrer, der mich angemacht hat wegen einer Prügelei. Ich hab‘ ihm gesagt, er solle sich mal umsehen und habe Andeutungen gemacht zu Buß. Ich bin mir sicher: Er wusste etwas. Er wollte damit aber nichts zu tun haben. …

Bei mir kam dann der Entschluss, zu E.W. zu gehen. … Ich dachte, jetzt ist es genug mit Buß. Mein jüngerer Bruder kann der nächste sein. 1977 war es, in meinem Endstadium an der Elly. Ich dachte, es geht so nicht weiter. Das muss aufhören. Ich bin zu E.W. ins Büro gegangen. Ich sagte, ich möchte mit E.W. sprechen. Die Sekretärin ist reingegangen. E.W. hat gefragt, worum es geht. ‚Um einen Lehrer‘, habe ich gesagt. Dann hat sie mich auf dem Flur warten lassen. Eine Stunde lang.

Ich hatte unvorstellbare Angst. Ich wollte meinen Bruder schützen. Es war eine der längsten Stunden meines Lebens. Ich habe gesagt: ‚Der Buß hat mich missbraucht und andere Jungens auch.‘ Sie ist ausgerastet. Sie hat einen Spruch zu mir gesagt: ‚Alles, was ich an Chancen habe, werfe ich in den Müll.‘

Danach war ich dann alleine. Es war eine Katastrophe. Ich habe mir überlegt, ob ich mir einen Strick nehmen soll. Vor dem Sekretariat war das. In der Schule wollte ich mich aufhängen. Ich bin durch den Odenwald gelaufen. Es war die Machtlosigkeit gegenüber dem Täter. Auch die Verantwortlichen tun nichts. Es war eine Katastrophe in meiner Seele.

Da habe ich mich entschlossen zu vergessen. Ich habe alles vergessen, was mir wehgetan hat. Die Seite von Hass und Gewalt ist in mir gewachsen. Ich war gewalttätig. Dann hat es Klick gemacht. Ich wollte nie gewalttätig werden. Ich hätte nie jemanden zusammenschlagen können. Die Gewalt hat sich aber festgesetzt. Es gab Streit überall. Gewalt. Gewalt. Strafanzeigen. Gewalt wächst durch Schweigen. …

Da habe ich mich entschlossen, Buß anzuzeigen. Das war 1987 oder 1988. Ich war 24 Jahre alt. Ich bin zu ihm hingegangen und habe ihm gesagt: ‚Ich gebe Dir sechs Wochen Zeit.‘ Ich habe drei Gespräche mit ihm geführt. Ich wollte Informationen über sein jetziges Leben bekommen. Habe zu D.E. Kontakt aufgenommen und zu I.J. Habe auch Jüngere als Zeugen gesucht. Eigentlich bin ich ein Feigling. Ich habe einfach geblufft, bin in den Angriffsmodus übergegangen. Ich habe mich vorbereitet, zur Polizei zu gehen.

A.B. hat gesagt, ich werde Buß zur Strecke bringen. Er hat es dann unserer Mutter erzählt. Sie sagte: ‚Lass es doch.‘ Sie hat alles an Buß verraten. Um halb Zehn kam dann ein Droh-Anruf. Er werde mein Kind in den Gully werfen und meine Frau vergewaltigen und erdrosseln. Im Stall lag dann kurz danach ein Schaf mit durchschnittener Kehle. Ich habe das Schaf gleich entsorgt, damit meine Frau es nicht sieht und sich nicht sorgt.

Für mich war das die schlimmste Niederlage meines Lebens. Ich habe nur noch gedacht: Er hat wieder gewonnen. Zwischen den Gesprächen mit Buß bin ich zu E.W. gegangen. Ich war voller Hass auf die Behörden. Ich war sehr frech zu E.W., war gerade hippiemäßig drauf. Ich habe mich durchgesetzt. Sie wollte mich abwimmeln. Ich habe gesagt: ‚Ich gehe in zwei Wochen zur Polizei und sage alles, was mir passiert ist.‘ Sie könne mich unterstütze, sonst Polizei! Dann Darmstädter Echo! Sie war sauer. Sie war unverschämt. Sie wollte mich rausschmeißen. Ich habe sie angeschrien. Am Ende hat sie mich rausgeschmissen. Sie sagte, im Zweifel müsse sie von ihrem Hausrecht Gebrauch machen. Dann war total Sense. In der Phase war ich bei Herrn T. Ich wollte Zeugen haben. T. hat mich sofort abgewiesen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich geschwiegen.

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