09 – Die Zehn positiven

Warum ist die Positivliste so wichtig? Ist sie überhaupt wichtig? Könnte man nicht darauf verzichten? Nein! Ich glaube, sie kann sogar entscheidend auf dem Weg der Heilung sein! Die positiven Dinge in unserem Leben, dienen uns als Anker, der es uns erst ermöglicht, das Trauma zu bearbeiten. Kein Mensch kann Gesund werden, wenn er sich nur mit der Vergewaltigung und den Vertuschungen der Angehörigen beschäftigt.

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Freitag 16.10.15

Ha, meine Therapeutin hatte heute gute Nachrichten für mich: Wir fangen jetzt endlich an konkret zu werden!

Bis heute gab es Diagnose und sehr viel Stabilisierung aber noch keine wirkliche Trauma-Bearbeitung. Die Stabilisierungstechniken sind unglaublich wichtig, sind sie doch die Grundvoraussetzung um überhaupt das Trauma bearbeiten zu können. Man muss einigermaßen in der Lage sein, das Flash back Geschehen zu kontrollieren. Und ja, es ist möglich die Kontrolle darüber zu gewinnen. Wir nehmen die Welt um uns herum mit Hilfe unserer fünf Sinne war. Zum besseren Verständnis hier ein Beispiel: Licht wird im Auge in elektrische Impulse umgewandelt, die dann über die Nervenbahnen ins Gehirn weitergeleitet werden. Dort werden sie dann Verarbeitet. Einen Baum auf der Wiese, sehe ich nicht mit dem Auge, sondern mit dem Gehirn, das Auge leitet nur Informationen ans Gehirn weiter. Bei einem Flash back werden jetzt Informationen im selben Aral des Gehirns verarbeitet, was dazu führt, dass ich den Eindruck habe, dass der Täter wieder vor mir steht. Das ist der Grund, warum wir den Vergewaltiger immer wieder sehen, riechen, hören, schmecken und fühlen. Eine Technik um den Flash back zu kontrollieren besteht also darin, von außen einen stärkeren Reiz zu setzen.als Beispiel kann hier das herum lutschen auf einer Chilischote angeführt werden. Das Brennen in der Schnauze ist so stark, dass es der entscheidende Reiz ist, der uns zurück in die allgemeingültige Realität holt.

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Samstag 17.10.15

Ich hab mal wieder eine Hausaufgabe von meiner Psychotherapeutin bekommen. Da ich heute zu Hause bin und die Zeit meiner Familie zusteht, heute unkommentiert, der erste Teil meiner Hausaufgabe. In den nächsten Tagen werde ich an ein oder zwei Beispielen erläutern wie sie zu verstehen ist:

Die zehn Positiven

die Aufgabenstellung lautete zehn positive Dinge zu finden. Weniger als fünf ist absolut nicht akzeptabel und weniger als zehn wären so la la. Der Sinn dieser Aufgabe leuchtet mir absolut ein: Wenn man sich nur mit dunklen belastenden Dingen beschäftigt, findet man nur schwer bis gar nicht aus dem Trauma, man geht viel mehr das Risiko ein, sich obendrein noch eine Depression einzufangen!

Ich erlaube mir wieder, zwischen der Zeit vor und nach meiner Zeit in der Krefelder Psychotraumatologie zu unterscheiden wobei ich Michaelshoven noch zu Krefeld rechne. Ich versuche die einzelnen Punkte gleich auch auf einer Skala von eins bis zehn zu bewerten. Wobei 1 bis 3 als war ja ganz nett zu bedeutet, 4 bis 6 Erinnerungen sind, für die ich einen Moment in meinem Oberstübchen buddeln muss, 7 bis 9 sind die wirklich bedeutenden positiven dinge in meinem Leben und die 10 ist nicht mehr zu toppen.

Die Zeit vor der Psychotraumatologie:

1. 5 das Baumhaus

2. 6 Redleg der Piratenjunge im Schottenrock

3. 7 Chaos

4. 8 Kirschbaumblüten

5. 9 Mölln

6. 8 Ide

7. 8 Tamara

8. 8 Andreas

9. 8 Andrea

10. 9 Beate

11. 9 Geburt

12. 10 Kirtan

13. 10 Tempel

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Sonntag 18.10.15

So, ich bin wieder zurück auf dem Weg nach Krefeld. Der Tag zu Hause hat gut getan, Frau und Kinder Dackel und Kätzchen: Heimat!

Wer aber glaubt (und da nehme ich mich nicht aus) dass ich ach so stark sei, und mit großen Schritten in Richtung Heilung unterwegs sei, dem möchte ich von meinem Sonntag Nachmittag erzählen. Bei uns vor der Haustür haben wir direkt den Hambacher Forst, der dem Braunkohle Tagebau weichen soll. Dagegen gibt es seit Jahren Widerstand von einer Gruppe Waldbesetzer. Da jetzt die Rodungssaison wieder angefangen hat, und es in der Vergangenheit zahlreiche Baggerbesetzungen und vorgestern erst wieder eine Blockaden der Kohlebahn gab, gab es rund um den Forst lückenlose Polizeiüberwachung und ein Hubschrauber kreiste dauerhaft über der Wiese aus der die Aktivisten ihr Lager haben. Unser mehrstündiger Spaziergang, zur Wiese und durch den Forst hätte eigentlich wunderschön sein können, wäre da nicht die Überwachung gewesen. Der Stressfaktor war für mich unglaublich hoch, und der Hass den ich für diesen Polizeistaat empfinde ist unermesslich. Atem-Übungen, Aroma-Öle und Chilischoten halfen mir zwar mich zu kontrollieren, aber auch nur, weil es keine direkte Konfrontation mit den Beamten gab. Ich kann eben noch lange nicht an Besetzungen Teilnehmen, da ich mit meiner PTBS noch nicht den Weg eines Satyagrahis gehen kann!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Montag 19.10.15

Warum ist die Positivliste so wichtig? Ist sie überhaupt wichtig? Könnte man nicht darauf verzichten? Nein! Ich glaube, sie kann sogar entscheidend auf dem Weg der Heilung sein! Die positiven Dinge in unserem Leben, dienen uns als Anker, der es uns erst ermöglicht, das Trauma zu bearbeiten. Kein Mensch kann Gesund werden, wenn er sich nur mit der Vergewaltigung und den Vertuschungen der Angehörigen beschäftigt. Zu Beginn meiner ersten wirklich das Trauma bearbeitenden Therapie Sitzung und zu deren Ende sprachen wir dann auch über einige Positiven Punkte.

Einige mögen vielleicht meinen, dass sie unmöglich 10 positive Dinge aus ihrem Leben zusammen bekommen würden, aber ich glaube die aller meisten müssten das schaffen, wenn sie nur ein wenig in ihrem Oberstübchen kramen würden. Der entscheidende Punkt ist für mich, dass man sich Trigger zu schönen Erinnerungen sucht, die dann eine Tür zu weiteren öffnen können. Nehmen wir z.B. das Baumhaus: Das Baumhaus war zwischen vier Tannen in etwa fünf Metern Höhe von uns gebaut worden. Den einzige Zugang hatte man, in dem man auf eine schmale Plattform kletterte, die zwischen zwei weiteren Tannen errichtet war. Dann musste man an einem Tau zum Baumhaus hinüberschwingen. Das war das Baumhaus! Diese Erinnerung führt mich zu dem Tau: Ich hatte das Tau bei einem Schutthaufen am Judenteich gefunden. Es war ein ca. 15 Meter langes Tau, das ich mit sehr viel Mühe nach hause schleifte. Beim Judenteich muss ich an die Feuersalamander und die Eidechsen denken, die ich dort öfter auf meinem Schulweg beobachtete. Bei den Eidechsen muss ich an die Ringelnattern denken, die wir an der Bahnlinie beim Waldspielplatz nahe der großen Waldwiese aufstöberten. Diese Erinnerung führt mich weiter zu den Vogelnestern, bei denen wir in dieser Gegend nach den Eiern geschaut haben. Das bringt mich weiter zum Bruzelbruch, einem altem Bombentrichter im Wald, an dem ein Grillplatz errichtet wurde…

Wenn man einmal einen Zugang zu seinen schönen Erinnerungen gefunden hat, dann können sie einen Weit führen und halt geben!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Dienstag 20.10.15

Ich glaube inzwischen behaupten zu dürfen: Heilung hat immer etwas mit Aktivität zu tun! Wer passiv in der Ecke sitzt und ausschließlich Trübsal bläst der verharrt an Ort und Stelle, und bewegt sich nicht. Und Bewegung ist notwendig! Ich meine jetzt nicht zwingend körperliche Bewegung, wenn man hier in der Psychotraumatologie in Krefeld auch großen Wert darauf legt, nein ich meine Bewegung im Sinne von Aktiv werden und die ersten Schritte gehen. Wichtig ist hierbei sich immer wieder bewusst zu machen, welche Schritte man schon gegangen ist. Die ersten Schritte sind meist winzig und für einen selbst oft nicht wahrnehmbar, weil man in dem Gefühl verharrt, das es nicht voran geht. Oft sind aber viele kleine Schritte notwendig, damit man nicht bei dem Versuch eine großen Schritt zu machen, ganz gehörig auf die Nase fällt!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Mittwoch 21.10.15

Nicht umsonst nenne ich diesen Beitrag „Mein Weg der Heilung“ denn ich begreife Heilung als einen Weg. Wie weit uns dieser Weg führt, weiß letztendlich niemand wirklich zu sagen. Aber eins ist gewiss, wer gleich auf der ersten Bank sitzen bleibt, und sich mit der Behauptung „Ich habe lebenslänglich“ abmeldet, der hat auch lebenslänglich! Ich weigere mich. Aber zu akzeptieren, dass ich Lebenslänglich habe!

Nein, ich werde Heilung finden oder besser gesagt, ich habe sie gefunden. Wie Heil ich am Ende sein werde, kann auch ich nicht sagen. Ich werde jeden Tag ein bisschen heiler! Ich glaube, die eigene, innere Haltung ist entscheidend dafür, wie weit man kommen kann. Und ja, wie es aussieht, musste ich nur eine Vergewaltigung über mich ergehen lassen, und wer dem über Jahre ausgesetzt war mag vielleicht sehr viel schwerer zu tragen haben, aber trotzdem ist es auch die eigene Haltung, die uns zu Lebenslänglich verurteilt. Aber ich nicht:

ICH HABE NICHT LEBENSLÄNGLICH!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

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