05 – Leck geschlagen in stürmischer See

Die Mannschaft hat sich ein bisschen erholt, die Pumpen laufen wieder. Noch zwei Tage, und dann muss ich wieder raus auf See, denn in diesem Hafen gibt es kein Trockendock in dem mein Schiff von Grund auf überholt werden könnte. Aber bei ruhiger See sollte die Fahrt in den Heimathafen zu schaffen sein!

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Samstag 12.09.15

Leck geschlagen in stürmischer See…

Meine Zeit hier neigt sich dem Ende zu. Es wird Zeit, das ich mein Resümee ziehe. Vier Wochen war ich dann hier bei den Alexianern auf der Akutstation der Psychotraumatologie in Krefeld. Akut Station – diese beiden Worte sagen eigentlich schon fast alles. Die Behandlung erfolgt Stationär und dauert wenn einem hier nicht geholfen werden kann in der Regel zwei Wochen, wenn einem, wie in meinem Fall aber geholfen werden kann etwa vier Wochen, in Einzelfällen auch länger. Wenn man sich den Standard Wochenplan anschaut, dann wird einen sehr schnell klar, das ein wesentlicher Teil der Therapie, „freie“ Zeit ist, um zur Ruhe zu kommen. Diese Zeit soll Individuell genutzt werden. Ich für mich habe die Zeit zum schreiben genutzt und ich denke, mir ist es in diesen vier Wochen gelungen, in Worte zu fassen, was mit Worten eigentlich nicht zu erfassen ist. Ich könnte jetzt eine Reihe von Beispielen von Mitpatienten anführen wie diese Zeit genutzt werden könnte – aber ich schreibe nicht über Mitpatienten. Jeder hat hier seine eigene Geschichte, seine eigenen Leiden und Symptome und muss deshalb auch seine eigenen Schritte tun.

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Sonntag 13.09.15

Posttraumatische Belastungsstörung, mein Schiff war leck geschlagen in stürmischer See. Die Segel hingen nur noch in Fetzen vom Mast und die Mannschaft lag mit Skorbut unter Deck. Wie ich, der Kapitän von diesem altem Kahn es geschafft hat das Schiff in den Hafen zu steuern ist mir ein Rätsel. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich ein Notsignal setzte und am Horizont ein Segel erblickte. Dann war da ein stolzer Viermaster, man warf mir ein Tau zu und schleppte mich in den Hafen. Die Mannschaft erholte sich ein wenig, die Segel wurden erneuert und das Boot vom Wasser leergepumpt. Bei der ersten Probefahrt fanden sich dann noch einige Lecks und auch bei der zweiten drang noch Wasser ein. Doch die Mannschaft hat sich ein bisschen erholt, die Pumpen laufen wieder. Noch zwei Tage, und dann muss ich wieder raus auf See, denn in diesem Hafen gibt es kein Trockendock in dem mein Schiff von Grund auf überholt werden könnte. Aber bei ruhiger See sollte die Fahrt in den Heimathafen zu schaffen sein!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Montag 14.09.15

Heute möchte ich auf mein Seemannsgarn von gestern noch einmal eingehen.

Leck geschlagen in Stürmischer See:

das war die Erkenntnis, dass ich ohne Hilfe nicht mehr weiterkommen konnte und mein Schiff zwangsläufig untergehen würde. Flashbacks, Aggressionen, eine Reizschwelle, die so niedrig war, dass meine Familie massiv unter mir zu Leiden hatte und die Erkenntnis, in eine Depression abzurutschen!

Die Segel in Fetzen:

Das hieß, dass ich nicht mehr in der Lage war, die Energie die ich eigentlich hätte aufnehmen müssen, in Bewegung umzusetzen. Stattdessen verpuffte sie Wirkungslos!

Die Mannschaft mit Skorbut unter Deck: All die Mechanismen mit denen man sich über Wasser gehalten hatte, die kleinen Tricks aber auch das aushalten wenn die Flashbacks zu heftig waren, wenn die Nächte wieder schlaflos oder schweißgebadet waren – all das Funktioniert nicht mehr, wenn nicht ausreichend Kraft und positive Energie aufgenommen werden kann.

So viel für heute, morgen gibt es mehr Seemannsgarn…

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Dienstag 15.09.15

Der alte Kahn:

Der Kahn ist wirklich alt, denn er war 40 Jahre auf See – 40 Jahre lang war mein Schiff nicht wirklich im Hafen. 40 Jahre ist es nur her, dass ich vergewaltigt und schwer traumatisiert wurde. 40 Jahre in denen ich nicht wusste, warum ich immer wieder depressiv und suizidgefährdet war. 40 Jahre in denen es Jahre mit Drogenmissbrauch, vor allem aber schwerer Alkoholabhängigkeit gab.

Der Kapitän:

40 Jahre hat der Kapitän nun nach bestem Wissen und Gewissen seinen Dienst versehen und die meiste Zeit in schwerer See. Dissoziation, Depressionen, Alkohol… und selbst als der Kapitän total besoffen war, hatte er noch ausreichend Durchblick um kurz vor dem absaufen ein Notsignal zu setzen um mit der Hilfe einer Selbsthilfe Gruppe trocken zu werden.

Mein Kapitän ist mein Intellekt! Doch der Kapitän steuert nur den alten Kahn, wohin die Reise gehen soll und welche Ladung zu transportieren ist, das wird an anderer Stelle entschieden. Wenn ich sage, die Entscheidung treffe ich mit dem Gefühl, so stimmt das nicht ganz. Das Gefühl ist oft wechselhaft und unstet – doch tief in mir, da gibt es noch eine Ebene, ob man sie nun auch Gefühl nennen will oder Unterbewusstsein oder Geist oder Seele oder sonst wie ist eigentlich Egal – jedenfalls, dort treffe ich die Entscheidungen, die mein Kapitän dann in die Tat umsetzt!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Mittwoch 16.09.15

Das Notsignal:

Die Erkenntnis, dass ich grade in eine Depression abrutschte und mir das in Verbindung mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu gefährlich wurde, ließ sehr schnell die Entscheidung in mir reifen, Hilfe zu suchen. Das diese Hilfe stationär sein müsste, war auch sofort klar, da eine ambulante Therapie mit meiner Arbeit als LKW-Fahrer unvereinbar ist. Als ich meine liebe, phantastischen, unglaublich gut aussehende, hyperintelligente Frau von meinen Plänen berichtete, setzte sie sich sofort an den PC und recherchierte für mich Traumakliniken aus dem Internet!

Das Segel am Horizont:

Der Gang zu meinem Hausarzt, dem ich meine Vergewaltigung, wie ich es eigentlich immer in äquivalenten Situationen zu tun pflege, verbal um die Ohren haute, war mein Segel am Horizont. Er schluckte kurz und hatte sichtlich Mühe auf seine professionellen Ebene zurückzufinden, erfüllte seine Aufgabe dann aber vorbildlich. Er suchte mir rasch die selbe Klinik raus, die wir auch schon ausgewählt hatten und schrieb mir eine Überweisung.

Der Viermaster:

Die Trauma-Ambulanz in Köln-Michaelshoven, die die erste wirkliche Diagnose stellte!

Das Tau:

Der Chefarzt Prof. Dr. Haste nicht gesehen, der für den drauf folgenden Tag bereits ein Bett für mich frei hatte!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Donnerstag 17.09.15

Der Hafen:

Die vierwöchige, stationäre Akut Behandlung in der Psychotraumatologie! Das es in Einzelfällen auch mal etwas länger dauern kann, versteht sich, wenn man die individuelle Schwere des Traumas berücksichtigt. Nicht wenige gehen auch schon nach zwei Wochen. Zum Teil weil sie sich bereits soweit stabilisiert haben und bereits in ambulanter Therapie sind, zum Teil aber auch weil ersichtlich ist, dass sie mit dieser Form der Therapie, die viel Ruhe und Eigeninitiative beinhaltet nichts anfangen können.

Die Mannschaft erholt sich:

Wie bereits geschrieben, hat man sehr viel Ruhe. Es gibt kein Fernseher im Zimmer, und im Aufenthaltsraum sind die Zeiten begrenzt. Am ersten Wochenende, bleibt man generell in der Klinik, ohne das es auch nur einen einzigen Programmpunkt gibt. Es ist offensichtlich, das man zur Ruhe kommen soll!

Die Segel werden erneuert:

Einzelpsychotherapie und Myoreflexterapie aber auch die Putzfrau waren es, die mich vorangebracht haben. Warum die Putzfrau wird sich so mancher Fragen? Wenn es mir schlecht geht, ich depressiv bin, dann brauche ich nicht nur Unordnung sondern regelrecht Dreck um mich herum. In der Klinik werden selbst die Bilderrahmen beinah täglich abgewischt. Es ist eben einfach alles sauber und strukturiert und das wirkt sich positiv auf die Psyche aus!

Die Pumpen laufen wieder:

Man bekommt einiges an ganz einfachen praktischen Tipps, die man zu so einer Art persönlichem Notfallkoffer zusammenstellt. Als Beispiele möchte ich hier nur die ätherischen Öle zum riechen wenn sich ein Flash back ankündigt und die Chili-Schoten zum Lutschen wenn man einen sicheren Weg aus dem Flash back braucht!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

Freitag 18.09.15

Raus auf See:

Seit Mittwoch Nachmittag bin ich wieder zu Hause. Das bedeutet, dass der gesamte Alltagsstress mich wieder hat. In der Klinik hatte man einen geschützten Raum, in dem alles was von außen kommt von einem fern gehalten wird! Ein Beispiel gefällig? Ich sitze hier zu Hause und schreibe, und gleichzeitig geht es um Versicherung, Steuern und selbst wenn man sagt, das stresst mich grade, komme ich nicht drum herum. Das ist der ganz Normale Alltag, den man aber mit Posttraumatische Belastungsstörung nicht mehr gewachsen ist.

Im Trockendock von Grund auf überholt:

Das wäre wirklich nötig. Das bräuchte jeder von uns vergewaltigten aber wer hat das je bekommen? Bei wem sind denn alle Beschädigungen behoben worden? Nein, wir haben lebenslänglich bekommen. Posttraumatische Belastungsstörung gilt zwar als heilbar – aber werden wir denn wirklich je wieder heil sein?

In den Heimathafen:

Mein Heimathafen, meine Familie, das bisschen Glück, dass jedem zusteht…

© Chr. Kolja(r) Wlazik

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