10.000 € Schweigegeld – Nicht nur für Alkoholiker und Säufer

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Liebe Claudia,

Zahlen sind etwas phantastisches! Mit Zahlen kann man spielen und wenn man sie in den richtigen Zusammenhang setzt, vieles verdeutlichen. Ich möchte mal ein bisschen mit der lächerlichen Summe von 10.000 € spielen. Oh, du störst dich an der Formulierung „Schweigegeld“? Du findest die Summe nicht lächerlich?

Bevor ich auf die lächerliche Summe zu sprechen komme, möchte ich erst noch das mit dem „Schweigegeld“ aufklären. Ich zitiere aus meinem Erinnerungsprotokoll eines Telefongespräches, das wir am 13.03.2017 abends gegen 18:30 führten.

Ach, nur mal so am Rande, eine kleine Information für unsere Mitleser, Claudia ist Anwältin, wird vom Hessischen Kultusministerium bezahlt und ist mit den Formalitäten im Zusammenhang mit der Auszahlung des „Schweigegeldes“ betraut.

  • Sie meinte, dass ich sie zwingen würde gegen mich vorzugehen!
  • Sie hielt mir vor, dass alle wollen das wir endlich Ruhe geben!
  • Sie meinte, dass nicht nur Alkoholiker und Säufer, sondern auch gut situierte wollen dass wir endlich Ruhe geben.

Nicht nur Alkoholiker und Säufer – diese Formulierung hat sich tief in meinem Bewusstsein eingebrannt.

Gut liebe Claudia, kümmer Du dich nur um die gut situierten – mein Platz ist aber bei den Säufern, ihre Gesellschaft ist mir sehr viel lieber als die der ach so gut situierten…

Aber jetzt will ich spielen!

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Nehmen wir also doch mal das Leben von Andreas Ratz. Wir haben ein arbeitsdiagnostisches Gutachten über ihn, das von dem Diplom Psychologen Martin Bering, im Auftrag des Landkreises Uckermark erstellt wurde. Er schreibt da auf Seite 4:

Mit seinen intellektuellen und emotionalen Kompetenzen hätte er ohne weiteres Lehrer werden können oder Rechtsanwalt oder Psychologe.“

Er hat nichts, absolut gar nichts. Er ist 55 Jahre alt, bezieht Grundsicherung als Frührentner vom Sozialamt und wird nie wieder Arbeiten können. Er hätte Rechtsanwalt werden können, genau so wie Du meine liebe Claudia!

Wusstest Du eigentlich, dass Geld immer ein Äquivalent für Arbeit ist? Der Preis einer Ware setzt sich aus den unterschiedlichsten Faktoren zusammen, aber Geld als Tauschmittel ist nichts anderes als materialisierte Arbeit. Aber ich habe sie gefunden, die Ausnahme von der Regel: In unserem Fall sind die 10 000 € ein Äquivalent für Leiden! Äquivalent kommt aus dem lateinischen (aequus „gleich“ und valere „gelten, wert sein, bedeuten) und bedeutet Gleichwertig. Die 10 000 € sind also gleichwertig mit unserem Leiden.

Also spielen wir mal mit 10 000 € Leid:

Andreas Ratz ist 1962 geboren, männlich und wird laut Lebenserwartungs-Rechner 79,83 Jahre alt werden. Das Teil ist echt scharf, das spuckt sogar den statistischen Todestag aus. Mein lieber Bruder wird am 27.01.2043 sterben, das meint zumindest der Computer.

1973 hat Erich Buß ihn das erste mal vergewaltigt

2043 minus 1973 das macht 70 Jahre leiden!

70 Jahre mal 365 Tage – das macht 25.550 Tage leiden!

25.550 Tage mal 24 Stunden – das mach 613.200 Stunden leiden!

Was für eine Zahl: 613.200 Stunden!

coin-230818_1920Also die 10.000 € sind das Äquivalent für für all diese Stunden. Wollen wir doch mal sehen, was so eine Stunde Leid ihm eingebracht hat.

Wir teilen also 10.000 € durch 613.200 Stunden – das macht dann 0,016 Cent – wir runden auf, das macht dann 2 Cent für eine Stunde Leiden – nein, wie kann man das nur lächerlich nennen?

Claudia, was bekommt man eigentlich als Rechtsanwältin in der Stunde? Also, ein Vögelchen hat mir da eine Geschichte gezwitschert, die möchte ich an dieser Stelle mal erzählen. Einer von uns Betroffenen, er gehört mit Sicherheit zu den schwerst geschädigten, hat Dich gebeten ihn zu begleiten. Er hatte einen Termin, in Wiesbaden, beim Kultusminister. Du meintest zu ihm, dass Du 250,-€ in der Stunde bekommen würdest, aber auf Dein Stundenhonorar verzichtest, wenn dabei der Auftrag zur Aufarbeitung der sexuellen Missbrauchsfälle an der Elly-Heuss-Knapp Schule in Darmstadt herausspringen würde.

250,-€ in der Stunde nimmst Du von einem der Betroffenen um einen Großauftrag an Land zu ziehen – na wenn das nicht ein Hammer ist. Ich kann und will meine Quelle nicht belasten. Der Betroffene hat unmissverständlich klargestellt, das er mit dem Thema Vergewaltigung, Erich Buß und Elly-Heuss-Knapp-Schule nichts mehr zu tun haben will und der betroffenenkontrollierte Ansatz zwingt mich dazu, in diesem Punkt seine Wünsche zu respektieren. Sollte sich die Geschichte anders zugetragen haben, dann steht es Dir frei, eine Gegendarstellung zu schreiben. Ich werde sie dann an genau dieser Stelle einfügen.

Also, 250,- € die Stunde, dass ist übrigens nicht ungewöhnlich, ich habe mal 120,-€ für eine Beratung bei einem gutem Anwalt bezahlt. Aber bleiben wir beim Thema, 250,-€ die Stunde für die Anwältin und 2 Cent die Stunde für das Leiden eines über Jahre vergewaltigten – aus diesen Zahlen kann man auch noch was herauskitzeln.

2 Cent für eine Stunde leiden!

20 Cent für 10 Stunden leiden!

1,-€ für 50 Stunden leiden!

250,-€ für 12.500 Stunden leiden!

250,-€ für 520 Tage und 20 Stunden leiden!

250,-€ für 1 Jahr, 5 Monate, 4 Tage und 20 Stunden leiden!

Was für eine Zahl! Damit einer von uns sich eine Stunde deiner Arbeitszeit leisten kann, muss er ein Jahr, fünf Monate, vier Tage und zwanzig Stunden leiden. Doch liebe Claudia, 10.000,-€ Schweigegeld sind lächerlich!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

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