Sie sind wieder da

Dieses Macht-Dingens ist Illusion. Wie eine Droge macht es süchtig. Abhängig. Es macht Menschen groß, größer, riesengroß. Viel größer, als sie es je sein werden.“

Mit einer ungeheuer kraftvollen, authentischen Sprache, bringt Luise Kakadu die Dinge derart deutlich auf den Punkt, dass einem immer wieder der Atem stockt. Wir freuen uns außerordentlich, dass sie uns als Gastautorin diesen Text zur Verfügung gestellt hat. Der Text erschien erstmalig am 24.04.2017 auf ihrem Blog „Missbrauch, Folgen und der Weg„. Wir versehen diesen Beitrag mit einer sehr ernst gemeinten Triggerwarnung.

© Chr. Kolja(r) Wlazik

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Das erste Mal seit unserem Umzug. Ich hatte schon fast gedacht, ich hätte sie mir nur eingebildet. Gestern Abend saßen wir gemütlich vor dem Fernseher, als sie einmal wieder Hallo sagten Meine Hitzewallungen! Decke zu; Decke auf; T-Shirt hoch; T-Shirt runter…. Meinen Mann freute es. Klar – wann sonst bin ich zur Zeit derart zeige freudig?

Er hatte sich am Morgen nach dem Duschen extra für mich – NUR für mich – mit seinem gut riechenden Parfum beduftet. Ich war unsicher, ob er dies „einfach so“ tut, um mir eine Freude zu machen oder ob er einen Wunsch formulieren mag. Aber nein, mein Mann ist hier tatsächlich anders, als alle Männer zuvor. Ich habe großes Glück mit ihm. Auch, wenn vermutlich sogar ich mir oft mehr Gedanken mache, als er es tut. Mehr Gedanken über seine, meine und unsere Lust und die Frage, wohin es wohl führen mag.

Er ist sehr geduldig und einfach, sein-lassend mit mir. Es ist, wie es ist. Und er freut sich über jede Berührung, welche wir gemeinsam erleben. Egal, welcher Art.

Vorhin ging es mir kurz durch den Kopf… Ganz derbe – zugegeben. Wie ich früher so drauf war und wie wahnsinnig wichtig es mir gewesen war, dass ein Mann ein „guter Ficker“ ist. Ausdauernd, phantasiereich, wissend, erfahren, beweglich, …

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Ich kannte meinen Körper sehr genau. Dachte immer, ich sei verdammt gut im Bett. Gut deshalb, weil ich ganz genau wusste, welche der vielen Muskeln in Bauch und Unterleib wie und wo welches Gefühl verstärken – bei mir UND ihm – und weil ich es schaffte, in 2min. einen Höhepunkt zu haben. Manchmal sogar schneller.

Es war fast wie ein Wettrennen. Wie oft schaffe ich es, bis der Mann kommt?! Und die „Maschine“ war leicht zu bedienen. Da gab es verschiedene Ausschnitte von Pornofilmen oder Erinnerungen in meinem Kopf – nur kurze Sequenzen – die völlig ausreichten. Es gab diesen und einen anderen Muskel, der machte, dass ein Penis an genau diesem oder jenem Punkt massierte. Und es gab diese Schamlosigkeit, von der ich nichts wusste. Diese Befreitheit von Hemmungen. Die in Wahrheit eine Befreitheit von ALLEN Gefühlen gewesen war. Die in Wahrheit eine Konditionierung war. Eine Art „Sex-Programm“ das in mir installiert gewesen war.

Und so forderte ich die Männer oft bis an ihre Grenzen. Kein Penis wäre mir zu groß gewesen. Wie gut ich mich fühlte, wenn ich es wieder einmal schaffte, einen Mann aufzunehmen, der von Frauen immer nur „der ist zu groß“ gehört hatte…

Keine Ahnung, ich kam da gestern drauf, wie ich beim Thema „andere können das besser als Du“ war – später dann. Und ich merkte, wie das eine mit dem anderen verknüpft war. Und wie ich in Wahrheit all die Jahre immer nur auch einmal die Beste sein wollte. Wie ich mir wünschte, auch einmal zu hören, dass ich besser bin, als andere.

Und ich erinnerte mich plötzlich wieder daran, wie es sich anfühlte mit all diesen „Tabulos-Huren“. Die ständig versuchten mir zu erklären, dass man heute mit Französisch safer kein Geld mehr verdient. Wie sie versuchten, mich zu Ihresgleichen zu machen. Wie sie mich erniedrigten, dizzten, abwerteten, ins Lächerliche zogen, mich langweilig und Hausfrau nannten. Wie sie mich ausgrenzten, beschimpften und los werden wollten.

Ich erinnerte mich daran, wie sie soffen, Drogen nahmen und wie sie oft vom Zimmer direkt zum WC gingen, um das Freier-Sperma, das sie eben geschluckt hatten, wieder zu kotzen. Wie sie ihren Verdienst ausgaben, um es sofort in teure Dinge umzusetzen, die sie trösten und wieder auffangen sollten. Wie oft sie raus kamen, schimpften, fluchten und die Männer hassten. Wie unsagbar kaputt sie waren.

Und ich saß da; hatte nur ganz wenige eher günstige Dessous. War kaum geschminkt. War ohne Solarium und Kunstnägel. Ohne wöchentlichen Friseur und ohne ohne-Service.

Und sie erhoben sich über mich.

Hielten sich für besser, als mich.

Für geiler

Sexier

Begehrter.

Und ich steckte mir dafür Schwänze in den Unterleib, die sie nicht ertrugen. Blies stundenlang, ausdauernd und scheinbar mit großer Freude gummierte Schwänze, musste keine Krankheit fürchten, musste nichts in mich hinein spritzen lassen, das ich nicht wollte… Und oft, sehr oft, wenn ein Freier einmal doch bei einer anderen gewesen war, kam er wieder zu mir und sagte, ich könnte es doch am besten. Wie erstaunlich das doch sei, dass ein freudiger Blowjob MIT Kondom um so vieles schöner sei, als ein angewiderter ohne Kondom.

Und ich fühlte mich so großartig. So erhaben. So viel wissender, klüger und besser als die anderen Frauen. Ich beherrschte das Spiel in Perfektion. Musste mich nicht zerstören lassen, wie SIE. Passte besser auf mich auf. Ließ mich nicht von jedem für alles bezahlen. Ich war so unsagbar über sie erhaben. Glaubte ich. Sollen sie doch denken, sie könnten mich zertreten…

Am Ende sind sie tot – und ich lebe noch.

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Es erschreckt mich, wie wichtig mir das alles war. Gut zu sein im Bett. Dinge zu können, die andere Frauen nicht können. Mich besser zu fühlen, als andere Frauen. Irgendwie waren Frauen ganz offensichtlich immer Feindbilder für mich. Irgendwie war da immer Kampf. Der Kampf zu siegen – in einem Kampf, in welchem es nur Verlierer gibt.

Mein einziges Können bestand darin, gut im Bett zu sein. Was auch immer dies bedeutet hatte. Und ich war abhängig von dieser Bestätigung – weil es sonst keine gab in meinem Leben.

Es macht mich heute traurig, all diese Dinge fühlen zu können. Mich daran zu erinnern und zu kapieren, auf welch falsches Pferd ich gesetzt hatte.

Dass ich nichts anderes hatte sehen können.

Nicht fühlen.

Nicht wertschätzen.

Nicht SEIN konnte.

Irgendwie drehte sich alles in meinem Leben nur um Sex. Um den größten Schwanz, den es gibt. Darum, möglichst große „Rekorde“ mit mir selbst aufzustellen (ja, ich nannte das so) im Wettrennen darum, möglichst viele Orgasmen zu haben. Im Bett zu liegen und zu denken „Wahnsinn!!! 12 mal in 10 Minuten!!!!“ – und nicht zu merken, dass etwas fehlte.

Dieses „Andere können das viel besser als Du“ meiner Kindheit hat mich zur Wahnsinnigen gemacht, deren Ziel es war, „Die beste Fickerin der Welt“ zu sein. Oder zumindest in Deutschland. Und ja – ich habe sie trotzdem alle überlebt. Bin trotzdem gesund geblieben. Trotzdem körperlich heil. Und ich war so stolz darauf; so über alle anderen erhaben.

Vielleicht, weil es das einzige war, das ich zu haben glaubte.

So wichtig es mir immer auch gewesen war, mit Freiern immer Kondome zu benutzen – so wichtig war es mir, ebendies privat NICHT zu tun. Es unterschied die Freier von „der Liebe“, bzw. jenem, das ich dafür hielt. Liebe bedeutete für mich, es einem Mann Wert zu sein, dass er mich markiert. Ja, als Markieren hatte ich es empfunden. Als in Besitz nehmen; als Stempeln; als (zu) ihm gehörend. Ich wollte diesem Mann (zu)gehörig sein. Nach ihm riechen. Von ihm eingerieben und verklebt sein. Und ich war unsagbar stolz darauf, nach einem Mann riechend hinaus zu gehen. Zeigen zu können und riechen zu lassen, dass ich nicht alleine bin.

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Wenn ich hierüber heute nachdenke, schäme ich mich. Ich bin betroffen und traurig. Bin aber noch nicht nah genug dran an diesem Bereich meines Lebens, dass ich es durchschauen könnte, begreifen oder verstehen. Ich erinnere mich nur daran, dass es mir so unsagbar wichtig und wertvoll war. So, als sei ich alleine NICHTS.

Aber alles, wenn ein Mann es Wert fand, mich zu besamen.

So vieles hat sich verändert, seit ich mit meinem jetzigen Mann zusammen bin. So viele Wertigkeiten haben sich kolossal verschoben. So viele Wunden heilen und verschließen sich. Und so vieles das mir früher so wichtig gewesen war, ist heute unvorstellbar.

Sicher – mein Mann ist auch ein ganz normaler Mann. Weshalb sollte nicht auch er Dinge schön finden, welche anderen Männern ebenfalls gut tun.?

Aber mein Mann sieht die Dinge anders. Und er stellt seine Bedürfnisse nicht an erste Stelle. Er freut sich, wenn ich ihm Freude machen mag – aber er freut sich auch, wenn ich einfach nur da bin. Einfach mit ihm lebe. Einfach bin.

Manchmal macht es mich traurig, dass ich früher so vielen Männern so unbedingt gut tun wollte. Und heute, da ich endlich einen Mann habe, der mich wahrhaft liebt, kann ich es nicht mehr.

Heute will ich kein Sperma mehr!

Heute will ich nicht mehr markiert sein.

Heute will ich nicht mehr nach Mann riechen.

Schon gar nicht, wenn ich unter Menschen gehe.

Heute will ich keine Orgasmus-Rekorde mehr.

Meist noch nicht mal einen einzigen.

Heute will ich nichts mehr erfüllen.

Auch nicht mehr erfüllt werden.

Heute will ich nicht mehr gut sein.

Nicht mehr die Beste in jenem, was man von mir erwartet.

Heute will ich überhaupt keine Erwartungen mehr.

Kein Müssen, Sollen und Wollen.

Heute habe ich Angst, Scham und auch die Bewusstheit für all diese Automatismen. Heute erwische ich mich dabei, wenn ich in die Konditionierung falle. Ich bemerke, wenn mich alte Muster packen und mitnehmen. Ich erkenne, wenn aus der liebenden Ehefrau die funktionierende Hure wird. Und ja – das passiert noch immer.

Plötzlich bin ich wie weg. Plötzlich ist da wieder dieses hungrige und erhabene Wesen, das „die Beste“ sein will. Die das Spiel beherrscht. Die die Macht hat. Und mein Mann wird zum Spielball; zum Freier; zum Versuchskaninchen und zum Erfüller meiner Konditionierung. Es ist unsagbar gruselig, schmerzhaft und auch entwürdigend. Ich will das nicht. Ich will meine Liebe nicht verseuchen mit dieser überheblichen Herab Sicht auf meinen Mann.

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Es geht nicht nur um Macht, wenn Erwachsene Kinder sexuell benutzen.

Es geht wohl auch oft um Macht, bei Sex unter Erwachsenen.

All die Jahre mit den Freiern fühlte ich mich immer sehr mächtig. Sehr stark. Sehr überlegen – so, wie vermutlich die Freier dies von sich selbst genauso glaubten. Und wie sich vermutlich auch ganz viele „normale Menschen“ dort draußen fühlen.

Dieses Macht-Dingens ist Illusion. Wie eine Droge macht es süchtig. Abhängig. Es macht Menschen groß, größer, riesengroß. Viel größer, als sie es je sein werden. Und man hält es fest. Weil es sich so gut anfühlt. Man hat es in der Hand. Man hat den anderen in der Hand. Dessen Lust; dessen Hochgefühl; dessen Herz; dessen Ohnmacht und Hingabe.

Seit ich mich verändere, seit ich meinen Mann kenne frage ich mich immer wieder, wie dieses Machtgefühl mit Liebe vereinbar sein sollte und könnte. Und ob es wohl das Beste wäre, sich darüber bewusst zu werden, dass man in einer Falle sitzt. Vermutlich sollte dieses Machtgefühl hier überhaupt nichts zu suchen haben. Weder in Form von Macht, noch in Form ihres Gegenteils. Ich weiß es nicht. Aber es gruselt mich.

Liebe erhebt sich nicht über den anderen. Liebe fordert aber auch keine Unterwerfung. Wie geht das? Sexualität mit reiner Liebe? Ohne Spielchen; Macht; sich größer oder klein fühlen? Einfach Liebe-machen auf Augenhöhe. Der Liebe wegen. Ohne Wettstreit; ohne Eile; ohne Müssen und ohne überhaupt irgendwas. Einfach fühlen… Manchmal denke ich, ich kann es. Manchmal ist es einfach schön. Aber manchmal da kriegt es mich doch wieder…. Und oft habe ich einfach keine Lust.

Keine Lust… Das gab es früher nie. Heute ist es fast Dauerzustand. So, als brauche meine Seele einfach Pause von Sex. Ruhe. Mein Körper auch. Genug gehabt davon in all den Jahren.

Und so sehr ich mich früher nur dann geliebt fühlte, wenn ein Mann bereit war, mich gern auch mal 7 Mal am Tag zu vögeln und er niemals Nein zu mir sagte, so sehr fühle ich mich heute von meinem Mann geliebt, wenn er mich einfach umarmt. Wenn er mich ansieht, mit seinen schönen Augen. Wenn er mich sein läßt, die ich bin.

Mit all meinen nun eigenen Neins.

Mit all meinen noch fremden, neuen Gefühlen.

Mit all meinen Zweifeln, meiner Scham und meinem (noch-) nicht-Verstehen.

Mit all jenem, das ich früher so großzügig für jeden hatte – und für ihn nun nicht mehr.

Und mit all dem Neuen, Anderen, Fremden, das sich wandelt, heilt und verändert.

© Luise Kakadu

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