Versteckt die Tagebücher

Die Tagebücher sind alles was wir haben. Darum fordere ich jeden auf, der noch im Besitz der Tagebücher ist, diese so zu sichern, das sie für dritte nicht zugänglich sind. Keinesfalls dürfen sie aber, so wie von der Kommission gefordert, gelöscht werden.

Erich Buß, Jahrgang 1928, war von 1956 bis zu seiner Pensionierung 1992 Lehrer der Elly-Heuss-Knapp-Schule (Grund und Hauptschule) in Darmstadt. Von Mitte der sechziger bis Mitte der neunziger Jahre vergewaltigte Erich Buß weit mehr als 100 Kinder im Alter zwischen 5 und 16 Jahren. Erich Buß hat Zeitlebens regelmäßig Tagebuch geschrieben. Er hat den größten Teil seiner Tagebücher noch vor seinem Tod an eines seiner im Ausland lebenden Betroffenen (Opfer) geschickt. Dieser hat sie digitalisiert, und später an einen Betroffenen geschickt, damit dieser die Aufklärung erzwingen konnte. Die Tagebücher wurden dann an weitere Betroffene, und einige Angehörige weiter gegeben. Im Umlauf waren die Jahrgänge 1961 bis1984, mehr als 200 Seiten.

Wir können den Kontakt zu einem Betroffenen herstellen, der die Tagebücher noch hat. Er ist bereit Betroffenen vor Ort Einsicht zu gewähren. Vorausgesetzt er ist zu der Überzeugung gelangt, dass es sich tatsächlich um einen Betroffenen handelt. Und eins ist uns doch allen klar, ein Betroffenen erkennt einen Betroffenen, wenn er  mit ihm intensiv über dieses Thema sehr spricht.

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Mit der Haltung, die die „externe“ Kommission zu den Tagebüchern einnimmt, beweist sie, dass sie inzwischen nicht mehr die Bedürfnisse der Betroffenen im Auge hat. Auch Prävention, Forschung und die grade beginnenden Arbeit mit den Tätern (https://www.kein-taeter-werden.de/) Interessieren sie offensichtlich nicht mehr. Es geht vielmehr darum, die Interessen der hessischen Landesregierung durch zu setzen. Dabei sind sich die Betroffenen was den Umgang mit den Tagebüchern angeht einig: Sie sollen nicht veröffentlicht werden, sie sollen zur Aufklärung genutzt werden, sie sollen anonymisiert werden, Menschen, die ein berechtigtes Interesse haben sollen Einsicht nehmen dürfen, es dürfen jedoch keine Kopien erstellt werden, sie sollen für Forschung und Präventionsarbeit zur Verfügung stehen und die Betroffenen sollen Zugang haben und erfahren hinter welchem Pseudonym sie sich gegeben falls verbergen. Etwas ausführlicher haben wir unsere Position hier formuliert: http://www.das-schweigen-brechen.org/?p=260

Doch was hat die Kommission vor? Sie will die Tagebücher verschwinden lassen. Sie nennen das dann „ die vorhandenen Materialien an das Hessische Staatsarchiv in Darmstadt übergeben“, aber dass bedeutet nichts anderes als verschwinden lassen. Denn eins ist sicher, es soll gewährleistet werden, das so schnell niemand mehr Fragen stellt und Archiv klingt da doch einfach perfekt…

Aber wie begründen Sie, dass sie sich über den erklärten Willen aller Betroffenen hinwegzusetzen zu gedenken? Sie behaupten einfach, sie sein nicht zu anonymisieren. Die Identität einzelner sei rekonstruierbar. Noch mal zum mitschreiben, damit es auch der letzte Volldepp versteht:

DIE TAGEBÜCHER SOLLEN NICHT VERÖFFENTLICHT WERDEN! Der Kreis derjenigen, die Zugang erhalten sollen ist derart gering, dass sich eigentlich alle nachfolgenden Punkte erübrigen. Darüber hinaus sollen keine Kopien erstellt werden dürfen. Zu Forschungszwecken lassen sich da ohne weiteres Ausnahmeregeln finden.

Die letzten Eintragungen in den Tagebüchern stammen aus dem Jahr 1984 und sind also 33 Jahre alt! Es ist also mehr als nur unwahrscheinlich, das man so ohne weiteres heute noch rekonstruieren kann wer sich hinter welchem Pseudonym verbirgt. Ich hatte Zugang zu einen Brief, in dem es um unsere Familiengeschichte ging. In diesem Brief tauchte der Vorname und die Abkürzung des Nachnamens einer Person auf die ich aus anderen Zusammenhängen sehr gut kannte. Und trotzdem kam ich nicht darauf wer sich hinter dem Namen verbirgt. Wie soll das erst möglich sein, wenn die Namen pseudonymisiert sind?

Immer wieder wird behauptet, es gäbe Seitenlange Namensaufzählungen. Menschen, die die Bücher gelesen haben meinen aber, dass das Blödsinn ist! Es gab wohl mal eine Namensstrichliste mit der Erich Buß Buch führte, wie oft er wen wie vergewaltigt hat. Nach allem was wir wissen, wurde diese Liste vernichtet, und das ist auch gut so!

Sie behaupten, das die Texte die Betroffenen schädigen würden! Es ist aber unsere Entscheidung ob wir die Texte lesen wollen oder nicht! Juristen haben sich da raus zu halten. Wir müssen das selbst entscheiden! Ich hatte und habe noch immer die Möglichkeit die Bücher zu lesen, habe mich aber bewusst dagegen entschieden. Andere möchten unbedingt wissen, was über sie in den Büchern steht. Wieder andere wollen nur wissen, ob überhaupt etwas über sie in den Tagebüchern steht. Wir haben überlebt, bis zum heutigen Tag – wenn wir uns dazu entschließen die Jahrgänge die uns betreffen zu lesen, dann haben wir ausreichend bewiesen, das wir der Lektüre gewachsen sind. Betroffenen kontrollierter Ansatz nennt man das, wir entscheiden und nicht ihr!

Der „Schutz der Persönlichkeitsrechte aller in den Texten erwähnten Personen – worin sich auch intime Details über Eltern befinden“ überwiegt für sie mal wieder! So ist es immer, der Schutz der Täter hat Priorität. Meine eigene Familiengeschichte, die in ihrer Gänze bald hier aufgearbeitet werden wird, zeigt sehr deutlich, welche Rolle die Eltern spielten: Wo immer es einen Täter gibt, da gibt es auch ein Opfer – und wo es Täter und Opfer gibt, da gibt es auch immer einen der weg gesehen hat!

Einer von uns wird die Tagebücher anonymisieren, sowie er sich psychisch soweit stabilisiert hat, das er sich an diese Aufgabe heranwagen kann. Und wenn das geschehen ist, dann werden Die Tagebücher auch der Forschung zur Verfügung stehen. Denn ein Jurist hat nicht darüber zu befinden, welchen Wert die Tagebücher eines pädophilen Massenvergewaltigers für Psychologen haben, die sich damit beschäftigen, Menschen zu helfen, die kein Täter werden wollen.

Ja, ich werde mich dieser Aufgabe stellen, sowie ich dazu in der Lage bin. Es wäre besser, wenn es jemand tun würde, der nicht von Erich Buß vergewaltigt wurde. Es wäre besser wenn ich nicht gezwungen wäre diese Arbeit zu tun. Denn ich will nicht wissen was in den Tagebüchern steht – und wenn ich diese Arbeit beendet habe, dann wird niemand besser wissen was in diesen Büchern steht.

Aber wenn es kein anderer tut, dann werde ich es tun!

© Chr. Kolja(r) Wlazik

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