2. Kapitel – Das Familiengericht

Die letzte Instanz

Geschichten aus dem Leben eines vergewaltigten Jungen

Ich bin der Richter!

Ich habe mir das nicht ausgesucht, sie hat mich dazu gemacht als ich gerade mal sechs Jahre alt war. Ein Kind, vollkommen überfordert mit einer Rolle, die es nie spielen wollte: Gebieter über seine drei Geschwister, eingesetzt von der Frau die mir ihre Gene zugemutet hat, Frau Schaitan-Hafeman (Name geändert) die die Ehrennadel in Gold der Stadt Bergisch Gladbach zurückgeben musste.

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Oh ja, ich war der Richter und ich wusste, wie ich dieses Amt auszufüllen hatte. Ich wusste, was von mir erwartet wurde: Immer gnädig zu verfahren mit No-Name (Name geändert); niemals ein zu hartes Urteil fällen, denn sie spielte die kleine Süße und war dieser Rolle ebenso wenig gewachsen, wie ich der meinen. Meine beiden älteren Brüder durfte ich aber piesacken, wenn ich es nicht zu arg trieb. Fielen meine Urteile zu hart aus, musste ich dafür bezahlen sowie das Familiengericht nicht mehr tagte und ich wieder das sein durfte, was ich war: Ein kleiner, sechsjähriger Junge.

Wir hatten unsere Rollen zu spielen: Jeder von uns!

Auf Gedeih und Verderb waren wir ihr ausgeliefert, darum spielten wir brav unsere Rollen. Der Älteste musste den Vater ersetzen. Ein Kind, gerade mal sieben Jahre alt als es vollkommen überfordert die Verantwortung für seine drei jüngeren Geschwister tragen musste.

Der Zweite, der die Rolle des Behinderten zu spielen hatte. Sie hatte ihm das solange eingetrichtert, bis er es selbst glaubte und sein bisheriges Leben mit dieser Lüge verbrachte.

Wie darf man sich so eine Sitzung des Familiengerichtes vorstellen? Und wieso hatFrau Schaitan-Hafeman gerade mich zum Richter gemacht? Da war ich vielleicht ein kleines bisschen selber schuld. Wie ich mich beim Familientribunal hindurch schlawinern konnte, hatte ich sehr schnell begriffen. Kleinere, folgenlose Vergehen gab ich immer sofort großmütig zu, wusste ich doch, dass ich keinerlei Konsequenzen zu befürchten hatte. Wenn ich aber mal so richtig was ausgefressen hatte, log ich, dass sich die Balken bogen, wusste ich doch, dass ich mir erfolgreich den Ruf des Gerechten, der immer die Wahrheit sagt, aufgebaut hatte.

Irgendwann hatte ich bei einem der Familientribunale leichtsinnigerweise gemeint: „Das ist ungerecht!“ Und Frau Schaitan-Hafeman, ganz Sozialpädagogin, wollte von mir wissen, was ich denn gerecht finden würde. Oh, hätte ich doch nur mein Maul gehalten… Aber ich war gerade mal fünf, vielleicht auch schon sechs Jahre alt – wie konnte ich denn wissen, dass ich von Stund an eine Rolle zu spielen hatte?

Ich war der Richter und wenn einer meiner Geschwister beim wöchentlichen Hausputz seine Aufgabe nicht richtig erledigt hatte, dann hatte ich das Urteil zu fällen. Auf die eine oder andere Weise suchte ich dabei eigentlich immer meinen Vorteil. Hey, ich war ein Kind, sechs Jahre alt, was hat die Frau eigentlich von mir erwartet?

Nun, es kam schließlich der Tag, an dem ich nicht mehr mitspielte. Ich weigerte mich einfach, beim Tribunal den Richter zu spielen. Ich hatte im Vorfeld mehrfach Ärger mit meinen älteren Brüdern bekommen, weil meine Urteile zu offensichtlich zu meinen Gunsten ausgefallen sind. Jedem ist das aufgefallen, meinen Geschwistern genauso wie meiner Erzeugerin.

Frau Schaitan-Hafeman hat uns, als wir Kinder waren, in Rollen hinein gezwungen. Sie hatte auch kein Problem damit dieses „Rollenspiel“ im Fernsehen zu verwursten. Zusammen mit ihrem Liebhaber drehte sie mehrere Fernsehfilme. 1974, ich war gerade sieben Jahre alt, wurde unser pervertiertes Familienleben von ihr in die Öffentlichkeit gezerrt, als sie zusammen mit ihrem Liebhaber den Film „Gerechtigkeit“ drehte. Und wer war der Hauptdarsteller? Richtig, der ach so gerechte Chr. Kolja(r) Wlazik!

Der absolute Witz aber ist, dass sie 41 Jahre später noch immer versucht, mich in diese Rolle zu zwängen.

Lieber Kolja,

Dein Verhalten verletzt mich bis in die tiefste Seele.

Du warst immer der Gerade, Unbestechliche in unserer Familie.

Warum verleumdest du mich jetzt?…

…Ich grüße euch sehr herzlich und hoffe so sehr auf dein Gerechtigkeitsempfinden.

Frau Schaitan-Hafeman

(Quelle: Schaitan-Hafeman an Kolja Wlazik – 08.04.2015 – 10:33 – Betreff: Klärung)

Also gut, dann will ich ihr noch ein letztes Mal den Gefallen tun und den Richter spielen. Eine Anklage liegt auch schon vor. Ich, Chr. Kolja(r) Wlazik, klage Frau Schaitan-Hafeman an und ich werde der Richter in diesem Prozess vor dem „Familiengericht“ sein.

Ich schlüpfe also gleich in vier verschiedene Rollen: Richter, Ankläger Verteidiger und Hauptbelastungszeuge!

Literarisch ist das für mich eine hoch interessante Angelegenheit, zwingt es mich doch nicht nur, einen Sachverhalt aus unterschiedlichen Positionen zu betrachten, sondern ihn auch entsprechend zu formulieren. Meine Therapeutin findet die Idee auch nicht schlecht, besteht aber darauf, dass ich auch die Rolle der Täterin berücksichtige. Ich werde dies – soweit es mir möglich ist – versuchen, bin mir aber nicht sicher, ob ich wirklich dazu in der Lage bin. Das würde nämlich bedeuten, dass ich Verhaltensweisen zu verstehen versuche, die ich nicht verstehen will!

Selbstverständlich wird jedes Familienmitglied das Recht zur öffentlichen Aussage haben. Die Kommentarfunktion ist hierfür vollkommen ausreichend. Einzige Bedingung ist, dass dies stets unter dem selben Namen geschieht. Ob hierfür ein Pseudonym oder der Klarnamen verwendet wird, ist nicht von Bedeutung, solange immer der selbe Namen verwendet wird. Sollte ein Pseudonym verwendet werden, ist mir dies per Email mitzuteilen. Allein bei Anton Rudolf muss ich darauf bestehen, dass er ausschließlich unter diesem Pseudonym schreibt.

Da ein wesentlicher Zweck dieses literarischen Mittels die Klärung der Frage ist, wie das Umfeld aussieht, das es ermöglicht, dass gleich drei Kinder aus einer Familie zu Opfern von Erich Buß werden konnten, muss auch ersichtlich sein, von welcher Position heraus man schreibt. Um dies zu gewährleisten, muss eben klar sein, wer zu wem im welchem Verhältnis steht.

Ein weiterer Grund für diese offene Aufarbeitung ist es, aufzuzeigen, welche elterlichen Verhaltensweisen es sind, die auch Jahrzehnte später noch zu derart schweren Erkrankungen führen. Und ich bin mittlerweile seit zwei Jahren an komplexer Posttraumatischer Belastungsstörung erkrankt. PTBS ist eine Erkrankung, die zwar gut behandelbar ist, aber unbehandelt nicht selten tödlich endet. Wir sprechen hier also nicht über eine Kleinigkeit…

Es gilt, anderen Mut zu machen, diesen Weg zu gehen. Auch wenn man sich oft wie Don Quichotte vorkommt, so bin ich doch der Überzeugung, dass es möglich ist, die Windmühlen zu besiegen und eine Veränderung herbeizuführen. Doch eine Veränderung in der Gesellschaft, die auch heute noch immer weg sieht und Täter und Mittäter mit allen Mitteln schützt, ist nur möglich, wenn wir, die Opfer, Betroffenen und Überlebenden, offen anklagen und unser Schweigen brechen.

Als Richter:

Der Prozess ist eröffnet, ich bitte darum, die Anklage vorzutragen. Wobei ich auf Grund der umfangreichen Anschuldigungen der Anklage zubillige, sie zunächst noch sehr allgemein zu formulieren und gegebenenfalls auch später noch weitere Anklagepunkte hinzuzufügen. Denn immerhin verhandeln wir hier über Klagepunkte, die sich über einen Zeitraum von über 47 Jahren erstrecken.

Fortsetzung folgt…

© Chr. Kolja(r) Wlazik

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