Missbrauch und Erbe

Was würde ich denn verdammt nochmal mit diesem Haus anfangen wollen?

Einem Haus, aus dessen einzelner Pore mein Schreien dringt!

Wo es keinen Raum gibt, welcher nicht von meiner Qual erfüllt ist!

Manchmal frage ich mich, ob jene die heute nun darin wohnen, es wohl fühlen können?“

Auch in ihrem zweiten Beitrag, den die Vielschreiberin Luise Kakadu uns zur Verfügung gestellt hat, findet sie deutliche Worte, für Gedanken und Gefühle, die die meisten von uns sich nie einzugestehen wagen. Dieser Beitrag erschien erstmals auf ihrem Blog: https://missbrauchundsexarbeit.wordpress.com/

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Guten Morgen

Das Wochenende war ruhig. Gestern haben wir hier nur herumgegammelt, viel geschlafen und auch geredet. Sind bei diesem Ekelwetter drin geblieben und überließen uns der Stimmung des Grau in Grau mit Nass vor dem Fenster.

Heute nun ist an sich wieder viel zu tun. Aber wirklich Lust darauf habe ich keine. Stattdessen scheint meine Seele sich auszuscheißen. Sorry – vermutlich komme ich auf dieses Thema später noch. Ja, ich bin sehr unverblümt zur Zeit Aber mein Körper und meine Seele sind es auch. Frei raus. Alles muss weg. Sonderpreise und Rabatte. Hauptsache, es verlässt mich, egal, wie.

Ich wachte heute wieder früh auf. Es war gegen halb fünf. Wieder hatte ich irgendetwas mit meiner Tochter geträumt; irgendetwas von früher und etwas zu Sortieren. Ich wachte auf mit einer Art Bestreben, das Rätsel zu lösen und aufzuräumen. Ordnung herzustellen. Vom Traum selbst erinnerte ich kaum etwas.

Nicht lange war ich wach, als mir Gedanken an meine Tante kamen – die nette. Ihren Lebenspartner, wie er versuchte, sich für mich einzusetzen. Kurze Urlaube bei ihnen im Haus, in einer der Ferienwohnungen über deren eigener Wohnung. Und irgendwie fing ich mich, in Erinnerungen und dem Versuch, Zusammenhänge zu ergründen…

Unsere Familie ist ursprünglich recht vermögend gewesen. Meine Oma stammte aus einer Familie mit eigener Metzgerei und 3 Gasthöfen mit Unterkunft. Sie heiratete in einen Schreiner-Betrieb. Auch hier war vermutlich keine Armut. Geblieben war am Ende das Haus in dem ich aufwuchs. Das meiner Oma gehörte. 3 Wohnungen über 120qm und ein großer Garten.

Meine Oma hatte die Wohnung voller Möbel, die einst Opa gemacht hatte. Vollholz, gute 5-6cm dick. Im Wohnzimmer Sammeltassen, Porzellanfiguren, Kristallgläser, Silberbesteck und ein Service mit Goldrand. Bunte Gläser und allerlei Dinge, die man heute hin und wieder aus Wohnungsauflösungen alter Menschen bekommt.

Für mich als Kind waren diese Dinge wunder schön. Ich liebte die bunten Gläser und all das Funkeln. 1x im Jahr – meist zu Weihnachten – wurde alles aus den Schränken geräumt und geputzt. Das Silber sollte glänzen. Ich war noch keine 6 Jahre alt, da gab es in Oma´s Wäscheschrank bereits Stapel für mich. Sie erklärte mir, das sei meine Aussteuer. All die Handtücher, Leintücher und weißen Bettbezüge bekäme ich, wenn ich irgendwann heiraten würde. Das mache man so – Frauen bekämen immer eine Aussteuer mit. Oft stand ich am Schrank und befühlte und besah meine Sachen. Wie gerne hätte ich die dicken weichen Handtücher in bunten Farben schon benutzt. Aber ich durfte nicht. Es dauerte doch noch so lang, bis ich heiraten würde… In ihrem Schmuckkästchen lagen die Orden meines im Krieg gefallenen Opas. Auch Kette und Armband aus Bernstein. Und anderer Schmuck, von dem sie mir immer erzählte, wie wertvoll er sei.

Tag für Tag bekam ich zu hören, dass ich all dies Wundervolle eines Tages erben würde. Auch alles andere. Schließlich hatten meine beiden Tanten keine Kinder. Schließlich bliebe all dieses ja am Ende in der Familie. Schließlich wäre ich die einzige, dem all dies zustünde.

Immer, wenn ich nicht zu Onkel und Tante wollte, sagte meine Oma, dass ich das tun MÜSSE – schließlich würde ich irgendwann einmal ja alles erben. Schließlich bekäme ich später einmal großen Reichtum. Schließlich müsse ich mich dankbar zeigen Und es war, als würde man mich verkaufen. Als sei all die Gewalt und der Missbrauch völlig legitim. Man bezahlte mich ja dafür – später – irgendwann… Und ich musste also in Vorkasse gehen und mich opfern für all das Geld, das ich später einmal bekommen würde.

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Ich wurde geprügelt und gefickt, weil man ja schließlich ein Anrecht hatte, dass ich etwas zu erbringen hatte für all ihr Geld, das ich irgendwann einmal hierfür bekommen würde. Es war meine Pflicht und das Allergeringste das ich tun und geben konnte für all jenes, das ich vollkommen ungerechtfertigt erben müsse. Ich war ja nur ein Kind meiner missratenen Mutter. Unerwünschter Abschaum.

Eines Tages übergab meine Oma ihr Haus an ihre 3 Kinder. Sie behielt sich das Wohnrecht für ihre Wohnung und gab diese an meine „liebe Tante“. Jene Tante, die bereits seit Jahren kaum noch kam. Die sich aus der Familie distanzierte und zurück gezogen hatte und mit ihrem Lebenspartner ihr Leben lebte.

Warum sie das tat, verstand ich weder als Kind – noch kenne ich die Hintergründe heute. Aber meine Oma ließ schon damals kein gutes Haar an ihr. Weil sie in „wilder Ehe“ lebte. Sogar nackt schlief! (Welch eine Ungeheuerlichkeit!) Und nie tat, was man ihr sagte.

Diese Tante war beruflich mit ihrem Lebenspartner sehr erfolgreich. Sie sind vermögend – wenn man bedenkt, dass sie bundesweit mehrere Wohnungen besitzen und dazu ein großes Haus, dessen EG sie bewohnen und im 1. OG auf der selben Fläche 2 Ferienwohnungen bestehen, die sie vermieten. Auch hier erwähnte meine Oma ständig, dass ich all dies einmal erben würde. Die hätten ja schließlich keine Kinder. Die Wohnung im 1. OG übergab sie meinem Vater. Und jene im EG meiner „Missbrauchs-Tante“. Noch zu Lebzeiten meiner Oma verkaufte die „liebe Tante“ die Wohnung meinem Onkel im EG. Auch dessen Ehefrau überschrieb ihm ihre Wohnung. So besaß mein Onkel 2 Wohnungen des Hauses, das man mir versprochen hatte.

Schon damals hatte ich Angst, man betröge mich um meine „Bezahlung“. Mein Onkel war es auch, der – als meine Oma ins Pflegeheim kam – ihre Wohnung auflöste. Man sagte mir, er hätte alles an die Kirche verschenkt. Ich traue ihm jedoch zu, er hat es gut zu Geld gemacht. So waren all die versprochenen Dinge meiner Oma nun auch verloren. Ich sagte mir immer wieder, dass ich heute, wo ich nun älter bin, all dies doch ohnehin weder gebraucht, noch gewollt hätte. Und dennoch sitzt der Schmerz des Beraubt und Betrogenfühlens tief in meiner Seele. Das war die verdammte Bezahlung für all die Prügel – und ich hatte sie nicht bekommen. Noch heute sitzt dieser Stachel tief.

Mein Vater ging konkurs, weil er seit Jahren das Finanzamt ignorierte und hatte auch seinen ersten Schlaganfall. So ging seine Wohnung in die Zwangsversteigerung – und mein Onkel riß sich die auf 350 000DM geschätzte Wohnung für nicht einmal ein Drittel davon ebenfalls unter den Nagel. So ging das Haus meiner Oma in den Besitz meines angeheirateten Gewalt-Onkel über. Völlig vergessen und übersehen hatte ich, dass ich einen Bruder habe. Meine Oma hatte es immer so klar formuliert: ICH würde alles erben. Wie sie hierauf gekommen war, weiß ich nicht. Aber höchstwahrscheinlich war es eh nur Mittel zum Zweck. Mein Bruder nun suchte, als er erwachsen war, zuerst den Kontakt zum Vater. Nachdem dieser ihn aber immer wieder und wieder enttäuschte, wuchs der Zorn in meinem Bruder und die Abscheu. Er versuchte es bei der „netten Tante“ – diese ignorierte jedoch auch meinen Bruder ebenso, wie mich. Sie ist und bleibt konsequent dabei, jeden Kontakt zur Familie zu unterlassen.

Und er wandte sich stattdessen dem Onkel zu. Der Onkel war reich – ist es NOCH Mein Bruder mag Geld. Und mein Bruder ist berechnend.

Inzwischen hat mein Onkel mein „Elternhaus“ verkauft. Er ist mit meiner Tante ein paar Ortsteile weiter gezogen und lebt dort als beweihräuchertes Mitglied eines Tennisclubs. Kümmert sich hingebungsvoll um die Grünflächen und vor allem „die Jugend“ – so las ich es erst kürzlich dort auf der Homepage.

Oft bin ich früher hingefahren – zum Haus. Stand mit dem Auto auf der anderen Straßenseite und fühlte meine Seele.

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Nun ist es weg.

So, wie alles weg ist, das man mir versprach.

Höchstwahrscheinlich.

Wenn ich als Kind noch glaubte, man würde zwingend von Onkeln und Tanten ALLES erben, wenn diese keine Kinder haben – so weiß ich nun um die Existenz und Funktion von Testamenten. Ich weiß auch um die Erbfolge. Und darum, dass mein ONKEL am Ende das Haus besaß – und nicht die Tante. Keine Ahnung… es gibt Tage, an welchen ich noch immer davon träume, irgendwann einmal irgendwas zu erben. Tage, an welchen ich verdammt nochmal diese beschissene Bezahlung HABEN WILL! Die sie mir versprochen haben für all die Gewalt, die sie an mir begangen haben. Ich fordere den Ausgleich; die Einhaltung des Vertrages!

Und doch, wenn ich ehrlich bin, kein Geld, kein Erbe der Welt wird jemals ausreichen und gut genug sein, um all diesen Schmerz, das Leid und das verlorene Leben wieder „gut zu machen“. Was würde ich denn verdammt nochmal mit diesem Haus anfangen wollen?

Einem Haus, aus dessen einzelner Pore mein Schreien dringt!

Wo es keinen Raum gibt, welcher nicht von meiner Qual erfüllt ist!

Manchmal frage ich mich, ob jene die heute nun darin wohnen, es wohl fühlen können?

Ob es ihnen hin und wieder unwohl ist im Haus und sie nicht wissen, weshalb?

Ob man es merken kann, wie viel Schmerz und Kinderschreie in den Mauern stecken?

Nein – heute bin ich froh, es nicht erben zu MÜSSEN.

Wie krank es doch ist, ein Kind mit einem irgendwann zu erwartenden Erbe zu erpressen. Einzupflanzen, dass es auf den Tod der Täter wartet, um dann den Lohn zu erhalten, für all das Erduldete; das zu erdulden GEMUSSTE; GEZWUNGENE.

Meine Oma hatte immer gesagt, sie sei arm. Deshalb durfte ich mich auch nicht waschen. Nicht Zähne putzen. Hatte nur wenig Spielzeug – vom Sperrmüll. Kleidung von meiner Tante – um genäht auf Kindergröße. Schimmeliges Brot zu essen. Grüne, kaputte Wurst. Haarigen Käse. Verdorbenes Essen. Man musste nehmen, was übrig blieb.

Meine Oma hatte über 5.000DM Rente. (1975/80) – und doch, sie war tatsächlich arm. Ganz grausam arm. Im Herzen und der Seele…

© Luise Kakadu

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