4. Kapitel – Zurückgelassen

4 Kapitel – Zurückgelassen

Als Kläger

Ich möchte zunächst den Zeugen Chr. Kolja(r) Wlazik bitten zu erklären, was es mit Klagepunkt 1. „Ich werfe H.H. vor, ohne Not eines ihrer Kinder im Alter von gerade mal 3 Jahren in unsicheren Verhältnissen zurückgelassen zu haben“, auf sich hat.

Als Zeuge

Ich saß am weit offenem Fenster auf der Fensterbank. Erbacher Straße 121. Hier wohnten wir, seit wir nach Darmstadt gezogen waren Wir, das heißt meine ¨Mutter¨, meine beiden älteren Brüder und No-Name (Name geändert).

Ich saß auf der Fensterbank im ersten Stock und schaute über die Straße hinüber auf den verwilderten Grünstreifen der streng genommen bereits zur Rosenhöhe gehörte. Ich hatte Langeweile, wartete auf irgendwas und beobachtete eine Amsel. Der Vogel war emsig bei der Arbeit. Immer wieder kam er mit Futter zurück zum Nest wo es auf wundersame Weise verschwand.

„Mein Gott“ dachte ich „wie viel in so ein Küken hineinpasst!“

Kurz verlor ich den Vogel aus den Augen, hörte ihn aber dann laut zetern und sah eine Katze panisch über die Straße rennen. Die Amsel verfolgte den Räuber, in dem sie etwa 30 cm über ihrem Kopf flog und kreischte als wollte sie sagen: Wenn ich Dich erwische, dann bring ich dich um!“ Und die Katze schien ganz genau zu wissen was die Amsel meinte, denn sie rannte als ob der Teufel hinter ihr her wäre.

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Am zweiten Januar 1967 wurde ich in Westerland, auf der Insel Sylt, geboren. Ich fand mein Geburtsdatum eigentlich immer ziemlich klasse – obwohl ich den vierten Januar auch ganz witzig gefunden hätte. Sowohl meine ¨Mutter¨ wie auch meine Großmutter haben am vierten Januar Geburtstag und ich wäre dann die dritte Generation in Folge gewesen. H.H. hielt aber nichts von meiner Idee und ließ die Geburt einleiten.

Westerland – Sylt – ganz oben im Norden war meine Heimat, und noch immer beschleicht mich ein wehmütiges, behagliches Gefühl wenn ich nach Friesland komme. Ein derart tief verwurzeltes Vertrauen habe ich nie wieder empfunden. Darmstadt? Diese Stadt bedrückt mich eher und wenn, dann komme ich heute nur noch dort hin um ein paar liebe Menschen zu besuchen. Dieser Ort hat etwas dunkles, bedrohliches! Ich spüre wie er mich noch immer in tiefe Finsternis hinabziehen will.

Friesland, Sylt, Heimat!

Direkt nach meiner Geburt, als ich mit meiner Mama aus dem Krankenhaus entlassen wurde, trug man mich an den Strand. Ich wollte der Nordsee meine Aufwartung machen! So erzählte man es mir und ich fand diesen Gedanken immer sehr romantisch, machte es mich doch, in meiner Phantasie zu einem, jener raubeinigen Seebären die Nordfriesland geprägt hatten.

Eigentlich sollte man meinen, dass ich an die Zeit auf Sylt keine Erinnerungen mehr haben kann, zumal ich erst drei Jahre alt war, als meine Welt zerstört wurde. Es sind auch nur noch wenige Bilder und Gefühle in meinem Kopf zu finden. Vielleicht gelingt es mir ja, während ich mich mit diesen Bildern beschäftige, einen Weg zu weiteren, mir unbekannten Geschichten zu finden. Manche würden mir wohl den Rat geben, es mit einer Rückführung oder Hypnose zu versuchen, doch es widerstrebt mir jemanden in meinen Kopf zu lassen und die Kontrolle abzugeben. Wer einmal unvorbereitet in einen Flash back gerutscht ist, der versteht vielleicht, was ich meine. Ich glaube auch nicht, dass es von Bedeutung ist, ob sich meine frühen kindlichen Erinnerungen immer und überall, mit den Fakten und Tatsachen in Übereinstimmung bringen lassen.

Auf Sylt lebten wir in einem schönem großen, hellem reetgedecktem Haus. Und selbst wenn es sich tatsächlich um eine kalte, nasse, dunkle Bruchbude gehandelt hätte, so entspricht dies nicht der Wahrheit. Für mich, das Kind das damals noch keine drei Jahre alt gewesen war, war das meine Welt – und diese Welt war, hell und freundlich!

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Auf der Empore, im Eingangsbereich des Hauses stand auf einem Läufer meine Wiege. Sie war aus dicken Bohlen ohne einen Nagel oder eine Schraube zusammengezimmert. Mein Vater, Helmuth Wlazik hatte sie aus gesammeltem Strand-Holz für mich gebaut das Holz war dunkel und fühlte sich warm an und wenn man sich auf den Rand stellte, konnte man ein kleines bisschen darauf schaukeln. Ich glaube, meine Mama wollte nicht das ich mit der Wiege schaukelte, was mich aber nicht daran hinderte, es trotzdem immer wieder zu tun.

In der Küche stand auf dem Esstisch immer eine Obstschale. Äpfel, Birnen, Orangen, was eben grade günstig zu bekommen war. Ich kletterte über die Bank auf den Tisch, um mir einen Apfel zu holen. „Was ist das? Es ist braun und sieht nicht besonders lecker aus aber das will ja nichts heißen! Ob man das essen kann? Sieht irgendwie nicht so aus. Aber meine “Mama“ hat gesagt, was in der Obstschale ist das darf ich essen, da wird sie ja wohl nichts hineinlegen, was nicht gut ist. Bestimmt ist es ganz süß und saftig und sieht nur von außen so braun und unschön aus.“

Ich nahm die unbekannte Frucht und biss zu – das war meine erste Begegnung mit einer Zwiebel!

Vor dem Haus gab es eine Mauer, es könnte aber auch nur ein Rinnstein gewesen sein, so genau weiß ich das nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich dort gesessen habe und an meinem Daumen genuckelt habe. Ich saß da, tief in Meditation versunken und überlegte was ich beim Daumen nuckeln wohl mit der restlichen vier Fingern anstellen könnte. Auch bei den Versuchen besonders große Spucke-blasen zu machen, konnte ich tief in mich versinken. Dann stupste mich mein großer rotbrauner Irish Setter mit der Nase an oder schlabberte mir einmal liebevoll quer durchs Gesicht. Mir wurde gesagt, das sei der Hund der Nachbarn gewesen aber das stimmt nicht: Es war mein Hund!

Das war meine Welt. “Mama“, Papa, meine beider großen Brüder und No-Name, die noch ein Baby war. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann finde ich es doch auffällig, dass H.H. nur wenige Monate, nachdem sie No-Name bekommen hatte, mich zurückließ um ihrem verheirateten Liebhaber R.F. mit meinen Geschwistern nach Frankfurt zu folgen.

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Später hat H.H. mir immer einzureden versucht, dass ich etwas ganz besonderes sei und sie immer eine ganz besondere Beziehung zu mir gehabt hätte. Heute weiß ich, dass das Schwachsinn ist.

H.H. hatte schon immer eine ganz besondere Beziehung zu sich selbst! Sie folgte R.F. um in Frankfurt ihr Fachabi zu machen. Ihr Plan war Sozialpädagogik zu studieren und Puppenspielerin zu werden und das war mit drei Kindern einfacher als mit vier. Ich blieb also auf Sylt, bei meinem Vater zurück. Ich war wohl ein Papa-Kind. Aber es war nicht so das H.H. nach Flensburg oder Husum gezogen wäre (so das regelmäßiger Kontakte zwischen Mutter und Sohn möglich gewesen wären. Auch Hamburg, wo ihre Familie wohnte war keine Option. Ihr Liebhaber wohnte in Darmstadt und von dort ist nur einen Katzensprung nach Frankfurt. Das bedeutete, dass sie dann ihren Sohn nie wieder sehen würde, aber das war wohl nebensächlich.

An die Zeit, die ich mit meinem Vater allein auf Sylt verbrachte, hab ich nur noch eine bewusste Erinnerung, eigentlich nur noch ein verschwommenes Bild in meinem Kopf: Ein großes Feuer mit meinem Vater hinterm Haus, mehr ist da nicht mehr. Aus Erzählungen weiß ich aber, das er wohl Urlaub mit seiner Freundin machte, und ich solange bei meiner Oma war. Er kam wohl aber nicht wie vereinbart um mich wieder abzuholen und meldete sich auch nicht. Irgendwann rief meine Oma dann meine “Mutter“ an, die mich daraufhin nach Frankfurt holte und das Sorgerecht für mich beantragte.

Über die Zeit in Frankfurt gibt es eigentlich nicht viel zu berichten. Die Stadt war lieblos, grau und stank. Wenn ihr Liebhaber R.F. da war, mussten wir still sein und mein älterer Bruder hatte alle Hände voll zu tun, um seine drei jüngeren Geschwister ruhig zu halten. No-Name war in der Kinderkrippe, und ich durfte da nie rein. Ich war im Kindergarten aber wohl habe ich mich da nicht gefühlt. Doch da gab es ein Mädchen mit langen Haaren, die sie immer zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Ich mochte dieses Mädchen. Ein Junge, der immer eine Rotznase hatte, hat mich im Sandkasten gehauen. Erinnerungen an meine Kleinkind-Zeit, und wenn ich noch tiefer grabe, dann tauchen noch ein paar mehr auf. Es scheint fast so, als seien die Bilder die ich noch in meinem Kopf finde wie Wegweiser, die mich in eine längst vergangene Zeit zurück führen.

Berichtet wurde mir aber immer, das meine Trotzphase auffällig heftig ausfiel. Bekam ich meinen Willen nicht, dann warf ich mich auf den Boden und schrie, bis ich knall rot anlief. Wenn man bedenkt, auf welche Weise meine Familie, meine heile Welt zerbrochen ist, dann kann es eigentlich nicht weiter verwundern, dass mein Urvertrauen hier bereits schwer geschädigt war.

Mit dem Umzug nach Darmstadt begann der Teil meiner Kindheit, die man als schön bezeichnen kann. Wir lebten am Stadtrand und auf der anderen Straßenseite kamen wir über Felder in den Wald. H.H. hat es sich immer als großen Verdienst auf die Fahne geschrieben, dass sie mit uns nicht nach Kranichstein in die Hochhaussiedlung gezogen ist. Aber wer H:H. kennt, der weiß, dass sie es war, die die Stadt auf Dauer nicht ertragen konnte. Wann immer H.H. ein paar Stunden frei hatte, hat sie uns, Kilometer fressend durch den Wald geschleift. Wir haben es gehasst! Wir waren Kinder, wir wollten nicht laufen, denn der Wald bot so viel mehr. Da gab es Frösche und Ringelnattern die gefangen werden wollten und Vogelnester bei denen die erbauende Gattung an Hand der Färbung ihrer Eier identifiziert wurden.

Der Teil meiner Kindheit, die draußen im Wald und im Schrebergarten statt fand war glücklich. Doch ein wirkliches Zuhause, das Sicherheit und Geborgenheit bot, das gab es nicht!

Fortsetzung folgt…

© Chr. Kolja(r) Wlazik

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